
Inszenierung Ausstattung Susanne Bachmann Arthur Stein Arnold Hofheinz Sylvia Stein Illi Oehlmann Rachel Stein Julia Siebenschuh Nelson Steinberg Jörg Vogel Stephen Hawking Susanne Rösch Jesus Markus Manig
Zur Rezension von Hans Walter über des Theaterstück „End Days“, Volkstimme vom 7. März:
„End Days“ sollte es für unverständlich verstaubte und teilweise falsche Kritiken wie die Ihre heißen. Am 4. März feierte das Nordharzer Städtebundtheater die europäische Uraufführung des Stückes „End Days“. Nicht oft bot sich ein derartiges Bild im Großen Haus Quedlinburg. Das Publikum verlieh mit Standing Ovations, Bravorufen, langanhaltendem Applaus seiner Begeisterung Ausdruck. Während der gesamten Vorstellung gab es stellenweise Szenenapplaus, zahlreiche Lacher und einige Momente der Stille und Spannung. Es entstand eine seltene Symbiose zwischen Zuschauern und Schauspielern.
Stück behandelt auch alltägliche Probleme
Ihre Darstellung des Stückes, der Thematik und des Abends wirkt verstaubt und altbacken. „End Days“ behandelt nicht nur religiöse Thematiken, sondern außerdem alltägliche und jedem denkenden Menschen vertraute Probleme wie Scheitern, Zweifel, Angst, Liebe, Hoffnung und Familie. Wenn der frustrierte, depressive Vater nach seiner wohl größten Niederlage den Sinn am Leben, Essen, Lesen und Reden wiederentdeckt – dann werden wohl eher menschliche Erkenntnisse denn religiöse Missionierung gefördert. Wenn der ständig hoffnungsvolle, optimistische und mutige Nelson seine jungen Traumata aufdeckt und trotz dessen weiter am Leben festhält und in allem eine Chance sieht, werden keine jüdischen, christliche Sprüche verwendet, sondern ehrliche Gefühle klar präsentiert. Wenn der Zuschauer die mit allen Kräften kämpfende Mutter Silvia Stein kennenlernt, die verzweifelt probiert, einen künstlichen Frieden aufrechtzuerhalten und sich vor der Selbstkonfrontation mit dem größten Schicksalsschlag ihres Lebens scheut, taumelt man zwischen verständnisvoller, aber trauriger Sympathie und witzig, schockierender Antipathie. Diese Mutter ist wie jede Mutter, die voller Angst probiert ihre Familie zu schützen. Dieser depressive Vater ist wie jeder Mensch, der die Sinnlosigkeit des Lebens für sich gepachtet hat. Dieser Teenager Nelson ist wie jeder Mensch, der sich nicht von der grauen Frustration der lebensmüden Erwachsenen beeindrucken lässt.
Erfrischend ehrlich und spannend
„End Days“ überzeugt also mit mehr als Sie, Herr Walter, erkannt haben. Es geht um klare, menschliche Probleme und zeigt letztlich, was wichtig ist im Leben: Optimismus, Familie, Liebe. Im Gegensatz zu bekannten Klassikern ist dieses Stück erfrischend ehrlich, zeitgenössisch, spannend. Der tiefe, tragische Schillerton und die großen Lessingbewegungen weichen einer leisen Wahrheit und sensibler Zärtlichkeit. Das Gerüst der Religion, die Thematik des 11. Septembers 2001 wird ehrenvoll und kritisch aufgebaut, und wieder abgerissen. Der „Weltuntergang“, auf welchen Sie sich sehr eingeschossen haben, dient nicht nur der Religionskonfrontation, sondern bietet der Familie eine erneute Extremsituation und zeigt als Bild, wie diese Figuren sich zusammenstellen, über ihren Schatten springen, und sich mit sich selbst auseinandersetzen. Eben so, wie ein Mensch es in nur in Extremsituationen tut. Dies wird auch ohne Kenntnisse des jüdischen oder christlichen Glaubens jedem klar, der in seinem Leben vor eigenen Hürden, Trümmern und Ruinen stehend seine eingefahrene Routine verwerfen musste. Nach einer Achterbahnfahrt durch Humor, Melancholie und gefühlvoller Jugendliebe, strahlt man. Dieses Stück macht glücklich. Die Tragik des Lebens wird akzeptiert und das Beste draus gemacht. Der Eindruck, dass Optimismus und eine emotionale „Yes we can“-Haltung von Ihnen und vielen anderen, meist älteren, Deutschen verkannt wird, entsteht. Das Nordharzer Städtebundtheater traut sich was. Sie als Zeitung und Sie als Kritiker sollten weitsichtiger denken. Ihre durch und durch gelangweilte und leidenschaftslose Kritik fördert Rentnertheater, fördert ein niedriges Niveau. Ihre Ausblendung von Fakten ist erschreckend engstirnig. Geben Sie der Moderne und einer positiven Sicht auf das Leben eine Chance.
Michael Knöfler, Halberstadt
Volksstimme Magdeburg vom 7.3.11, Hans Walter
Uraufführung des Dramas „End Days“ im Nordharzer Städtebundtheater
Vier Minuten Applaus am Freitag für "End Days" im Großen Haus Quedlinburg des Nordharzer Städtebundtheaters. Das überwiegend jugendliche Publikum feierte damit das Ensemble und den Regisseur Jonathan Failla.
Quedlinburg. Das Erlöserdrama "End Days" der New Yorker Autorin Deborah Zoe Laufer gehört in die Reihe "Stücke, die die Welt kaum braucht". Auch nicht als "EEA", als europäische Erstaufführung, im Nordharz.
Zur Fabel bis zur Pause: Nach dem 11. September 2001 ist Familie Stein schwer traumatisiert. Vater Arthur (Arnold Hofheinz) hat als einziger seiner Abteilung den Crash der Twin Towers des World Trade Centers überlebt und sitzt lethargisch im Schlafanzug am Wohnzimmertisch. Mutter Sylvia (llli Oehlmann) ist seit drei Monaten und 17 Tagen dem Wanderprediger Jesus (Markus Manig) sexuell und im Bekehrungswahn ihrer Sippschaft verfallen. Die 16-jährige Tochter Rachel (Julia Siebenschuh)im Gothic-Outfit kifft und ist in der Schule eine exzellente Mathematikerin. Hinzu tritt ihr Mitschüler Nelson Steinberg (Jörg Vogel). Er kommt als fremder Gast in die kaputte Familie, ist verliebt in Rachel, seine Gitarre und in Elvis Presley, den er sogar in den Klamotten imitiert. Dazwischen kreuzt immer mal Stephen Hawking - der Astrophysiker und Entdecker der "Schwarzen Löcher" im Universum - mit seinem Rollstuhl an Rachels Mülltonne auf, um über Gott, die Welt und die Ewigkeit zu sinnieren. Grandios in der Rolle des Gelähmten ist Susanne Rösch! Aber zu essen gibt's bei Familie Stein nix, weil niemand einkauft. Der von Firma Wyludda gesponserte Herd bleibt kalt. Bis zur Pause schnattert sich das Stück so hin. Man wüsste gern, wozu man gebeten ist. Die Figuren sind bloße Sprachröhren.
Aber dann gibt es dramaturgische Entwicklungen, die neugierig machen auf die Schicksale der Protagonisten. Arthur sitzt nicht mehr wortlos am Tisch - er hat seine Brille wieder gefunden, liest Zeitung, entdeckt die Lust am Einkaufen und an der Familie neu. Und im Dialog mit dem jungen Nelson, der sich auf die Mündigkeit der jüdischen Jungen, auf das Bar Mizwa-Fest, vorbereitet und über den lächerlichen Elvisdress den Tallit, den Gebetsmantel, und das Kippa-Käppchen gezogen hat, bekennt er sich zu seinen jüdischen Wurzeln. Er singt so gar aus der Tora. Eine Heimkehr aus großer Entfernung.
Mutter Sylvia ist noch nicht so weit. Nach einer traumhaft realen Begegnung mit Jesus verkündet sie kabarettreif für den kommenden Mittwoch das Jüngste Gericht. Das Ende der Tage, "End Days", auch mal Armageddon oder Weltunter- gang genannt. Statt Al Qaida-Terrorismus nun die Horrorvision eines christlichen Fundamentalismus. Das Ereignis tritt jedoch nicht ein. Ein Glück auch! Und im Aufwachen aus dem bösen Traum werden alle glücklich und finden endlich zu ihrer wahren Bestimmung zurück: der Liebe! Und dem Schachspiel. "End Days" setzt militantes Christentum kontra jüdischen Glauben: Das fiktive Ende der Welt ist hier wie da durch Gott bestimmt. Aber der gläubige Jude gibt seine Hoffnung nicht auf, dass nicht Chaos und Vernichtung, sondern Heil für das Volk Israel und alle Völker ausbrechen wird. Nelsons Schlüsselgespräch mit Sylvia enthält die Lösung: "Jeder Moment des Lebens ist wichtig ... Zu wissen, dass der Tod unausweichlich ist, gibt jedem Moment des Lebens Bedeutung." sagt jedenfalls Rabbi Baumbach.
Nelson ist der eigentliche Held des Abends. Er wirkt als Katalysator für alle Bewegungsprozesse in der Familie ähnlich wie der Engel in Pasolinis Film "Teorema". Doch er hat weniger zu bewerkstelligen. Wendepunkte werden wenig sichtbar. Regisseur Failla betonte mehr den Comedy-Charakter des Stücks, etwa mit der Hawking-Himmelfahrt. Für das spielfreudige Ensemble fand er überzeugende Anlagen. Ohne Ausnahme sind die Akteure besonders im zweiten Teil interessant. Aber die Regie springt zu kurz. Ohne Kenntnis jüdischen Glaubens erschließt sich dieser Weltunter- gang nur schwer. Es ist der Versuch einer Missionierung. Bei mir ist er scheitert.
Mitteldeutsche Zeitung, 8.3.2011
VON UWE KRAUS
Sie ist sehr amerikanisch, diese Komödie "End days", die der US-amerikanische Magdeburger Jonathan Failla als Europäische Erstaufführung auf die Quedlinburger Bühne bringt. In Amerika fragt niemand, ob es geht, den 11. September in eine Komödie einzubetten. Autorin Deborah Zoe Laufer tut es einfach.
Beiläufige Assoziationen
Ziemlich durchgeknallt, was da satte zweieinhalb Stunden über die Bühne läuft, die Susanne Bachmann recht luftig gestaltet. Gerade vor der Pause fallen in dem Stück (Übersetzung: Anja Failla) die Assoziationen zu 9 / 11 eher beiläufig, die Handlung entwickelt sich, ohne groß voran zu kommen. Etwas Fahrt nimmt die Inszenierung erst nach der Halbzeit auf. Wichtig wäre fürs Verständnis weniger das Videogeschnipsel im Foyer als vielmehr ein Schnellkurs Religion, um die Endzeit-Konzepte zu verstehen. Das gute Programmheft schafft dies nur ansatzweise.
Optisch stapelt die Ausstatterin die Twin Towers aus Umzugskartons in den Bühnenhintergrund. Einen zerstört später Mister S. (Arnold Hofheinz), der zweite steigt als Rakete mit zwei Pappkameraden gen Himmel. Jene unausgepackten Kartons symbolisieren das Noch-Nicht-Angekommensein im neuen Leben irgendwo fernab von New York, wo sich das Leben der Familie Stein grundlegend verändert hat. Vater Arthur, einst Chef von 65 Mitarbeitern, die alle den Anschlag nicht überlebten, kauert im Schlafanzug depressiv am heimischen Küchentisch. Der Kühlschrank ist leer, ein paar Müsli-Packungen stehen rum. Während Mutter Sylvia (Illi Oehlmann) ihr Heil im exzessiven Glauben sucht, findet Tochter Rachel das alles nicht normal. Julia Siebenschuh hinterlässt als ziemlich intelligenter auf der Mülltonne kauernder Grufti erneut einen prägenden Eindruck. Als Nachbarsjunge Nelson Steinberg gibt Jörg Vogel einen oft schneller sprechenden als denkenden Jungen im Elvis-Kostüm, der sich einen Spickzettel für jedwede Unterhaltung auf den Gitarrenboden gepappt hat. Er bricht in das verkorkste Leben der Steins hinein und gehört neben dem berühmten Stephen Hawking im Rollstuhl (eine Glanzrolle für Susanne Rösch) und dem ewig durch die Wohnung schwebenden Jesus (Markus Manig) zu dem Trio, in dem jeder auf seine Art das Familienleben in Bewegung und vielleicht ins Gleichgewicht bringt.
Ist es ein Stück übers Glauben, über Endzeit-Phantasien oder eher eine Persiflage auf religiöse Eiferer, die samstags jüdisch und sonntags christlich sein wollen, ohne Entscheidungen zu treffen? Sylvia Stein muss sich den Vorwurf gefallen lassen, eine "Gotteshure" zu sein; sie hat in ihrem Kopf heißen Sex mit Jesus und missioniert vor dem städtischen Freudenhaus.
Schritt um Schritt ins Leben
Es ist die Erinnerung an das jüdische Gemeindeleben, die auch Arthur Stein langsam aus seiner Lethargie holt. Indem er Nelson Steinberg hilft, beim Tora-Lesen an dessen Hebräisch zu feilen, schließlich steht die "Bar Mizwa" bevor, tritt er zurück ins Leben; Schritt um Schritt, sich an dem quasselnden Teenie in Tallit und Kippa aufrichtend, der mit Rachel in eine Klasse geht. Letztlich symbolisiert der üppig gefüllte Kühlschrank ein Wiedererstehen von Lebensnormalität.
Die Tochter, die nicht am Physikunterricht teilnehmen muss, erschließt sich durch die Begegnung mit Atomphysiker Stephen Hawking völlig neue Sphären. Plötzlich öffnen sich ihr neue Welten, die so ganz anders sind als die der fundamentalistischen Mutter, die glaubt, dass Jesus ihr durch ein doppeltes Augenzwinkern das Jüngste Gericht für Mittwoch ankündigt hat. So wird in den letzten Stunden, Minuten und Sekunden noch mal gelebt, üppig Fast food gespeist und gespielt. Irgendwie scheint jedoch Sylvias Draht zu Jesus gestört. Doch so richtig sauer, dass sich das Datum verschiebt auf unbestimmte Zeit, ist wohl niemand.
Zum Schluss applaudiert das überwiegend junge Publikum brav bis euphorisch für die sehenswerte Leistung des heimischen Schauspielensembles. Weil es in der Kleinstadt eine Europa-Premiere miterlebt hat und weil es in den Fernseh-Sitcoms auch so ist. Sehr amerikanisch eben.
Diese ungewöhnliche Familien-Komödie unterstreicht die Schwächen und Hoffnungen von Menschen, die Trauma erlebt und auch überlebt haben. Arthur Stein, einer der Hauptprotagonisten, tief depressiv und für den Grossteil des Stückes im Schlafanzug, versucht auf seine Art mit dem Trauma des 9/11 Überlebenden klar zu kommen. Das Stück spielt auf der Basis des Glaubens seiner Frau Sylvia, die fest überzeugt davon ist, dass Armageddon, unmittelbar bevor steht. Was folgt, ist nicht nur deutungsvoll und erlösend, sondern auch unheimlich witzig.
"End Days is funnier than a great many plays designed solely to induce laughter…and more touching than most plays designed solely to touch."
Broward-Palm Beach New Times"The universality of the denouement brings this comedy full circle, leaving us to admire the relevancy of Laufer's humor and wisdom of her message."
VarietyI hope others will have the opportunity to see this special play. It begs the question of what we would hold most sacred if we knew the end was near. And it brings to life our broad range of choices, including laughter, and the treasured traveling companions who are there even when we face our own personal Armageddon."
The Huffington Post