Faust Episode II
Sprechoper von Karsten Gundermann nach Johann Wolfgang von Goethe
Faust Episode II basiert auf Goethes komprimiertem über sechzig Jahre geschaffenem Lebenswerk „Faust. Der Tragödie II. Teil“. So wie dieses aus einer Vielzahl von Teilhandlungen und eigenständigen lyrischen Dichtungen besteht, so ist das Episodenhafte bereits als Spielvorlage angelegt. Das hat in der Theatergeschichte immer wieder zu beachtlichen experimentellen Aufführungsformen inspiriert. Eine Schauspielvariation mit zeitgenössischer Musik hat der Komponist Karsten Gundermann für das Theater „Junge Generation“ in Dresden vorgelegt. Die aufsehenerregende Uraufführung dieser modernen Version von Fausts Welt- und Zeitenreise fand 2007 im Festspielhaus Hellerau besonders großen Anklang beim jugendlichen Publikum. Das Nordharzer Städtebundtheater wird dieses Stück mit einer Sängerin, Schauspielern und live gespielter Orchestermusik neu inszenieren.
Termine
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| Sa, |
15.05.10, |
19.30 |
Uhr |
Stendal
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Besetzung
| Musikalische Leitung | Symeon Ioannidis |
| Inszenierung | Rosmarie Vogtenhuber a.G. |
| Ausstattung | Susanne Bachmann |
| Faust, alt | Martin Richter a.G. |
| Faust, jung | Markus Manig |
| Narr | Jörg Vogel |
| Helena | Regina Pätzer |
| Chor | Marina Kopp a.G. / Karoline Schürer a.G. / Martin Krah a.G. / Franz Lenski a.G. / Felix Meusel a.G. / Marc Vinzing a.G. / Steffen Weixler a.G. / Claudia Mooz a.G. / Susann Schulze a.G. / Wibke Zäncker a.G. |
| | Orchester und Statisterie des Nordharzer Städtebundtheaters |
Fotos


















Videoclip
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Pressestimme: Der digitale Doppel-Faust
Das Nordharzer Städtebundtheater zeigt mit der Sprechoper von Karsten Gundermann ein geglücktes Experiment.
VON UWE KRAUS
HALBERSTADT/MZ - 47 354 Worte soll Johann Wolfgang von Goethe in seinem "Faust" gefunden haben, 437 Figuren zählte die Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber. Wenn 90 Prozent des Klassikers und fast 400 Akteure gestrichen sind, dann richtet Komponist Karsten Gundermann eine Goethe-Essenz an. Der Dichtung folgt mit "Faust Episode II" die Ver-Dichtung.
Die Aufführungen in Halberstadt und Quedlinburg mit einem Abstecher nach Stendal sind ein Experiment und sollen die Frage beantworten, ob das Werk, das nach der Uraufführung im Festspielhaus Hellerau bisher nur in Bremen als soziokulturelles Stadtteilprojekt zu sehen war, "stadttheatertauglich" ist. Ein deutliches Ja darf man aus dem stürmischen Beifall schließen, der nach der Halberstädter Premiere aufbrandete. Gundermann tritt nicht mit dem Anspruch an, Goethes Weltentwurf allumfassend auf die Bühne zu bringen. Er will sich an ihm reiben und transformiert den Stoff ins Heute, um die ewig bewegenden Fragen gegenwartsgerecht und zukunftsfähig zu stellen.
Seine musikalischen Vorgaben lotet die Regisseurin tief aus; mit ausschweifender Körperlichkeit, Schreien, Stöhnen und Singen. Ausstatterin Susanne Bachmann schuf ihr dazu weite Räume, wenige variable Podeste und Gerüste, ein Prospekt und Projektionsflächen für Videoeinspielungen und Schattenspiele.
Hier duellieren sich nicht intellektuell Faust und Mephisto, Markus Manig und Martin Richter zelebrieren die beiden Seiten der widersprüchlichen Titelrolle. Einem Paten gleicht Senior Richter, und Manig verkörpert jene Yuppie-Generation, die den Weltenbrand nicht selbst entzündet, sondern als aalglatter Saubermann per Handy den roten Knopf drücken lässt. Zukunftsvision und Scheitern, Dynamik und Verharren, Zynismus und egozentrischer Fanatismus, all das mischt sich in diesem Doppel-Ich. Manig und Richter hetzen, begleitet von typischer Gameboy-Musik, von Ebene zu Ebene, sie deklamieren dabei, verharren, nehmen Geschwindigkeit auf und springen in eine neue Szene.
Faust zur Seite steht, thematisch durch Violinenklänge charakterisiert, der Narr. Jörg Vogel gibt ihn mit exzellentem, oft pantomimisch wirkenden Spiel als Einen, der zu gut für die Welt der neuen Fäuste scheint und immer wieder auf die Nase fällt. Mit tiefer Symbolik platzt sein traumschwerer Luftballon. Faust jagt Helena hinterher -mit souveräner Stimmführung und darstellerisch emotionsreich verkörpert von Mezzosopranistin Regina Pätzer - um Besitzansprüche durchzusetzen. Äußerlichkeiten bestimmen die Handlung; der Mager-Modell- und Casting-Kult, Maßanzug und Designer-Handy.
Die Sprechoper entstand in Kooperation mit der Theaterakademie Vorpommern. Darstellerisch wirken die Eleven, ob in uniformer Manager-Kostümierung oder den prolligen Kapuzenjacken, austauschbar und beliebig, wie ein Wechsel-Medium programmiert zum Kriechen, Schießen, Eilen, Ducken, Klonen oder Aufsteigen. Sie meistern das stimmlich anspruchsvolle Unterfangen, durchzieht doch der Sound der virtuellen Welt die gesamte Produktion.
Ständig bricht Karsten Gundermann seine von Kapellmeister Symeon Ioannidis dirigierte Musik formenreich und ironisch. Er zitiert Hörgewohntes, verstört, greift zu Verzerrungen und Computertönen, aber auch zu klassischen Instrumentalpassagen, um damit das Spiel deutlicher zu untermalen.
Pressestimme: Tiefsinnige Faust-Show mit eindringlichen Bildern
Volksstimme vom 8.3.2010
Von Claudia Klupsch
Komponist Karsten Gundermann verdichtete den Text des sprachlichen Kunstwerkes auf zehn Prozent des Originals, ohne dass Wesentliches vermisst werden könnte. Das ist eine Kunst an sich. Er machte Fausts Welt- und Zeitreise frisch für das Heute, lässt das Orchester klassisch auftrumpfen, in Hip-Hop übergehen, Computersounds vom Band abspielen. Nach der Uraufführung 2007 in Dresden und einem Sozialprojekt in Bremen 2009 mit 500 mitwirkenden Schülern zeigt nun die Harzer Inszenierung von Rosmarie Vogtenhuber den modernen Faust in moderner Zeit.
Zu erleben ist eine tiefsinnige Faust-Show mit rasanten dramaturgischen Abläufen und eindringlichen Bildern. Das Publikum ist von der ersten Minute an gefordert zu denken, zu deuten, zu begreifen und einzuordnen. Die Flut von Eindrücken liefern nicht nur Kostüme und Masken, Bühnentechnik und Videosequenzen, sondern auch die unablässige Bewegung auf der Bühne, für die zehn Schauspielstudenten der Theaterakademie Vorpommern sorgen. Die jungen Leute beeindrucken mit ihrer choreografierten Körpersprache und ihrem präzisen Mimenspiel. Klar verständlich und pointiert ist ihr chorischer Sprechgesang.
Stark versichtet ist auch die Figurenkonstellation. So gibt es mit Martin Richter und Markus Manig Faust zweigeteilt. Eines Mephistos, der seinen Widerpart piesakt, braucht es nicht. Das Publikum beobachtet Faust und Faust, Kumpane im brutalen Erkenntnis- und Machtstreben, im rücksichtslosen Verlangen nach Schönem, die diskutieren und sich anfeuern. Richter ist ein alter Zausel Faust wie aus dem Bilderbuch und hat zum Beispiel in der Szene mit zwei respektlosen, ihn drangsalierenden Schülern einen seiner wunderbaren Auftritte. Manig bleibt als sterbender Faust haften, als „armer Tor“ – wohlgemerkt ist es der junge Faust, für den der Todeston erschallt. Jörg Vogel berührt als trauriger Narr („Ich sah, dass ich nichts ändern kann.“). Das schwermütige Violinensolo, das sich mit seiner Figur verknüpft, hallt im Ohr nach. Mezzosopranistin Regina Pätzer als Helena greift vor allem mit ihrem Trauergesang um den toten Sohn ans Herz. Das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters unter der Leitung von Symeon Ioannidis spielt wohlgestimmt auf und stellt sich gut auf den Gesang der Protagonisten ein. Die Musiker bringen ein breitgefächertes Repertoire zu Gehör – harte Elektroklänge und Klassik, metallisches Wummern und weiche Streichermelodien.
„Faust Episode II“ zeigt in beklemmenden Bildern eine demoralisierte, genusssüchtige, geldgeile und computergesteuerte Gesellschaft, führt den Wahn von Krieg und Gewalt, von falschen Schönheitsidealen und entfesselter Wissenschaft vor Augen. Hier muss Fausts Suche nach Sinn scheitern. Faust II ist und bleibt seltsam und kopflastig. Auch die Harzer Inszenierung überfordert zuweilen im Verständnis. Doch wie bemerkte Goethe selbst über sein Werk: „Die Hauptsache ist, dass es geschrieben steht. Mag nun die Welt damit gebaren, so gut sie kann, und es benutzen, so weit sie es fähig ist.“
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