In diesem berührenden Stück lenkt der britische Autor Steven Berkoff die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ein Weihnachten, in dem einmal nicht die heile Familienidylle vorherrscht, sondern in dem der fünfzigjährige Harry mit seiner Einsamkeit um so mehr konfrontiert wird, je mehr das Fest der Liebe näher rückt. Denn „Weihnachten hat“ – wie schon Edgar Allan Poe sagte, „alles, um einen guten Menschen unglücklich zu machen“. Das Monodram, das mit seinem Thema über die Weihnachtszeit hinaus führt, wird von Arnold Hofheinz gespielt. In diesem Stück geht er der Frage nach: Wie feiert man den „schlimmsten Tag des Jahres“, wenn man sich dabei doch nur nach Freundschaft und Liebe sehnt?
Aufführungsdauer: ca. 1 ¼ Std.
Besetzung
| Inszenierung | |
| Ausstattung | |
| Harry | Arnold Hofheinz |
Pressestimme: "Harrys Christmas" wird
zum großen Abend
Volksstimme Halberstadt, 26.11.2010
Von Hans Walter
Quedlinburg. Das Monodrama
"Harrys ' Christmas" des
britischen Autors Steven Berkaff
(geboren 1937) wurde zum
großen Abend für den Schauspieler
Arnold Hofheinz. Im
Quedlinburger Wipertihof hatte
die Produktion des Nordharzer
Städtebundtheaters am
Mittwoch ihre gefeierte Premiere.
Regie führte als Gast Sebastian
Wirnitzer. Sechs Minuten
Applaus für das kleine
Team, zu dem auch Dramaturgin
Sylvia Sarnow, AusstatteMn
Barbara Sauer-Funke Wld
Techniker Christoph Kotzian
das Ihre beitrugen.
Hofheinz ist ein denkender,
ein nachdenklicher Akteur. Er
lotet seinen Harry in viele Untiefen
aus. Der 50-Jährige ist
ein Bruder im Geiste Willy Lomans
in "Der Tod eines Handhmgsreisenden"
von Arthur
Miller. Ein Losertyp, der vier
Tage vor Weihnachten mit seinem
totalen sozialen Abstieg
und der Vereinsamung konfrontiert
wird. Ungeliebt, uninteressant,
ungemocht. Heiligabend
ist der "schlimmste
Tag des Jahres". Für Harry endet
er tödlich nach einer überdosis
Tabletten. Die Rituale
helfen nicht mehr- das Schmü!.
cken des Baumes, Plätzchen
backen, die Erinnerungen an
die hilfsbedürftige Mutter, an
die Liebschaft zu Annie, an
ehemalige Kollegen.
Die einzige Verbindung zur
Außenwelt schafft das Telefon.
Harrys zögerliche Anrufe sind
Beschwörung einer venneintlich
glücklichen Zeit - allesamt
enden sie in Gleichgültigkeit,
Ablehnung und Missverständnis.
Mit seiner alten Mutter redet
er wie mit einer Geisteskranken.
Er brüllt und poltert
und lenkt halbherzig ein. Auch
sie ist einsam - Harry will und
kann ihr nicht helfen.
Ohne den exzessiven Griff
zur Flasche ist a11 das nicht zu
ertragen. In der Nacht vor
Weihnachten klingelt das Telefon
- aber Harry nimmt nicht
mehr ab. "Ich habe meinen
Garten verwildern lassen. Ich
schäme mich." Gierig reißt er
die Weihnachtspost auf. Sie erweist
sich als Zahlungserinnerung.
Es ist ein Bild der Kälte
in der Gesellschaft, "die kein
anderes Band zwischen Mensch
und Mensch übrig gelassen hat
als die gefühllose, bare Zahlung"
(Marx). Er sennt sich
nach seiner fröhlichen Liebe
Clara, aber kann keinen Schritt
mehr auf sie zugehen. Liebeserfüllung
bleibt lllusion im Tablettenwahn.
Was bleibt, ist
der tiefe Schlaf für immer ...
Der junge Regisseur Sebastian
Wirnitzer und Hofheinz beweisen
tiefes Verständnis für
ihren Antihelden. Sie reißen
Klüfte auf, die gerade im Weihnachtsdusel
zugeschüttet werden
mit Hannoniebotschaften.
Ein großer Abend!
Pressestimme: Weihnachten geht auf die Leber
VON UWE KRAUS
QUEDLINBURG/MZ. Weihnachten sei eine Lawine, die auf einen zurollt und der man nicht ausweichen könne, stellt Harry fest. In "Harrys Christmas" läuft der Countdown in Vorweihnachtstages-Schritten, und der Held des Monodrams von Steven Berkoff rennt nicht einmal weg. Nur sein Alkoholverbrauch und Frustpegel steigen.
Man mag meinen, Berkoff hat Arnold Hofheinz gekannt und ihm genau diese Rolle auf den Leib geschneidert. Doch das zu Unrecht gerade im deutschsprachigen Raum selten gespielte Stück feiert dieses Jahr bereits Silber-Jubiläum und bietet eine dankbare Aufgabe für den vielseitigen Darsteller.
In der Regie von Sebastian Wirnitzer spielt er in der schlichten, aber zum Gemütszustand passenden Ausstattung von Barbara Sauer-Funke. Dass alle Vorstellungen im Wipertihof über die Bühne gehen, schafft Ambiente und folgt dem Konzept, Theater nicht nur in der sicheren Burg der Häuser des Nordharzer Städtebundtheaters zu machen. Die ausverkaufte Premiere und die zahlreichen Vorbestellungen für das 75-Minuten-Stück belegen das deutlich.
Was da der britische Autor Steven Berkoff an Text vorgibt, berührt und deprimiert gleichzeitig. Das Fest der Liebe und der Familie kommt nicht immer zuckersüß und glockenklingend daher. Harry ist so ein Mensch, der einsam ist, dem Weihnachten einmal mehr und überdeutlich zeigt, wie fernab von Heitschi-Bumbeitschi-Idylle er sein Leben verbringt.
Tag um Tag rückt der Crash näher, immer alkoholseliger und verbiesterter führt er seine Monologe. "Die Leute rüsten sich für Weihnachten wie für einen Krieg", sagt er und geifert gegen den "Adventsstadt-Pöbel". So wie Arnold Hofheinz das nah am Publikum im Wipertihof spielt, bereitet es dem Zuschauer schon seelische Marter. Er leidet mit diesem Harry, dessen Kontakte sich auf Weihnachtskarten fokussieren, und er wird selbst verleitet, eine Bilanz zu ziehen. So wie Harry, der konstatiert: "Ich habe meinen Garten verwildern lassen."
Chance verpasst? Er telefoniert, lauscht in alte Beziehungskisten hinein. Zwei BH hängt er auf seine Weihnachtsgirlande, Erinnerungen an Clara und Annie, mit denen es auch manchmal schön war. Hofheinz säuft, sinniert, ist verhalten, spult sich hoch, agiert hektisch, rollt Plätzchenteig mit der Wodka-Flasche aus und merkt, selbst der Kater ist in dieser emotionalen Wüste vertrocknet. Nur Mutti ruft an und die nervt eigentlich. Ihr spielt er vor, er habe Gäste, wenn er allein im Sessel hockt und sich mit Schnaps aus dem Henkelbecher tröstet.
Plötzlich ist nicht nur Weihnachten, sondern es geht auch darum, wie man die restlichen Tage des Jahres miteinander und mit sich selbst umgeht. Harry hat eine große Sehnsucht nach Mitmenschlichkeit, nach Liebe, Freunden und Gemeinschaft. "Es ist wie mit der Reise nach Jerusalem. Du bleibst am Ende allein stehen", beklagt desillusioniert der 50-Jährige. Und irgendwann macht er so seine große Weihnachtsreise, um Clara und Co. noch ein letztes Mal zu treffen.
Verdiente Bravos vom Publikum und stürmischer Applaus. Und wie es im Wipertihof üblich ist, es gab auch für die Besucher noch einen Aufheiterungs- und Trost-Drink an der Bar. Und vielleicht hat da manch Einsamer aus dem Zuschauerraum doch noch jemanden gefunden, mit dem er Harrys Schicksal entrinnen kann?