
Sa, 08.05.10, 19.30 Uhr Bernburg So, 09.05.10, 16.00 Uhr Bernburg
Musikalische Leitung Martin Hannus Inszenierung Holger Pototzki a.G. Ausstattung Imme Kachel a.G. Choreografie Jaroslaw Jurasz Mrs. Dolly Meyer Gerlind Schröder Horace Vandergelder Klaus-Uwe Rein Irene Molloy Bettina Pierags Cornelius Hackl Ingo Wasikowski Barnaby Tucker Tobias Amadeus Schöner Minnie Fay Thea Rein Ambrose Kemper Thomas Kiunke Ermengarde Amrei Wasikowski Ernestina Edith Jeschke Rudolph Norbert Krug / Norbert Zilz Mrs. Rose Edith Jeschke Chor, Ballett, Orchester und Statisterie des Nordharzer Städtebundtheaters
Premiere: Temperamentvolle Witwe wirbelt nach grandiosen Freilichtauftritten nun über Bühne des Hauses
VON UWE KRAUSHALBERSTADT/MZ. Es dreht sich viel ums Geld im vor 45 Jahren uraufgeführten Musical "Hello, Dolly!". An dem gebricht es auch, wenn nun das Erfolgsmusical nach dem Erfolg im Bergtheater Thale für das Haus, die festen Bühnen des Nordharzer Städtebundtheaters, eingerichtet wird. In der Halberstädter Premiere am Wochenende erlebte das Publikum große Stimmen, ein Ballett-Ensemble, das witzig und galant über die Bühne wirbelte und viel Spaß am Spiel. Wenig hat sich gegenüber der Freiluftaufführung geändert. Und doch wirkt sie im deutlich eingeschränkten Rund anders. Stimmlich gewann die Inszenierung, sie ist näher am Publikum und nicht den Freilicht-Kalamitäten unterworfen. Ihre räumliche Reduzierung lässt Holger Pototzkis Ideen stringenter wirken. Ihm gelingt es, Massenszenen unter Nutzung des ganzen Zuschauerraums zu gestalten. Der Chor (Leitung Jan Rozehnal) nebst Statisterie wirkt stimmstark und spielfreudig.
Imme Kachels Ausstattung wanderte vom Berg ins Haus und musste dann räumlich nochmals reduziert werden. Dem Ansehen tat die "Ausstattungsspar-Arie" weniger gut. Fast lieblos vor schwarzen Stoff gestellt wirkt der Laden des knausigen Krauters Vandergelder in ländlichen Yonkers noch gottverlassener. Dabei sprüht Gerlind Schröder als Dolly Gallagher Meyer nur so vor Temperament. Als Alrounderin in Liebes-, Tanz-, Rechts- und Verkaufsdingen verteilte sie prophylaktisch ihre Werbe-Visitenkarten selbst im Publikum.
Auch wenn sie sich für den vermögenden Geizkragen Horace Vandergelder auf Frauensuche begibt, eigentlich will sie sich doch selbst wieder an eine starke Männerbrust lehnen. Rührend bittet sie am Grab ihres Verstorbenen Ephraim um ein Zeichen von ihm. Schließlich sei sie des Lebens von der Hand in den Mund überdrüssig. Verdienter Applaussturm für Gerlind Schröder, die gewohnt sprachgewandt, stimmsicher und spielstark die Zuschauer begeisterte. Dafür feierte sie nicht nur der "Harmonia Garden", wo Norbert Zilz per Trillerpfeife als Oberkellner Rudolph seine Mannschaft dirigiert. Hier offenbart Jaroslaw Jurasz' Compagnie ihren Sinn für Humor, Jonlage und Slapsticks.
Klaus-Uwe Rein als ihr knurriger Widerpart sorgt gewohnt professionel im Gesang für aktuelle Bezüge zwischen Cage-Projekt, Investmentbanking und Schweinegrippe. Auch wenn er reich, einsam und böse ist, letztlich kann auch er sich nicht dem Charme von Dolly entziehen. Leere Stühle kreisen ihn bis dahin ein und schotten ihn ab, eine gelungene Umsetzung. Hervorzuheben: Bettina Pierags als nach Liebe hungernde Irene Molloy, die zu Herzen gehend von den "Bunten Bändern" singt, und das Land-Ei-Duo Cornelius Hackl und Barnaby Tucker (Tobias-Amadeus Schöner und Ingo Wasikowski), das in der Großstadt die Liebe sucht und findet.
Martin Hannus dirigiert seine Swing-Band-Version von "Hello, Dolly" schwungvoll, in der Premiere aber vielleicht drei Phon zu laut, was die Freude an der Musik keineswegs trübte.
Mitteldeutsche Zeitung Quedlinburg, 26.5.2009
von Uwe KrausTHALE/MZ. Das ist beste Musical- Unterhaltung mit professionellen Stimmen, mit selten so lebensfroh über die Bergbühne wirbelnden Tänzern, feinem Humor und Situationskomik, das ist "Hello, Dolly!". Jerry Herman muss Gerlind Schröder gekannt haben, als er 1964 diese Liebeserklärung an die legendäre, vor Temperament strotzende Witwe schrieb. Wie die Halberstädterin mondän und frech, für alle Probleme des Lebens von Ehe über Tanzstunde bis Landwirtschaft eine Lösung habende Heiratsvermittlerin als Universal-Dienstleisterin agiert, das war die Bravos und Ovationen des Premieren-Sonntags wert. Auch wenn es noch nicht ganz so viele Zuschauer auf die Sonne bestrahlte grüne Bergbühne zog, wie es diese Inszenierung von Holger Pototzki eigentlich verdient.
Diese Dolly sucht für den reichen Griesgram mit Vermögen Horace Vandergelder eine passige Frau, ist sich aber sicher, dass sie eigentlich der Volltreffer wäre. Letztlich klappt das auch, und zudem läuten die Hochzeitsglocken für drei weitere Paare. Die Produktion atmet Broadway-Atmosphäre. Die drei Ballett-Paare, der Chor und Statisterie sorgten für pralle Massenszenen. Jaroslaw Jurasz' Compagnie bietet witzige Showakrobatik, wenn Teller und Gala-Diners jongliert oder Fasane angepiekt werden. Martin Hannus dirigiert kein Big-Band-Filmorchester mit riesigem Streichersatz, sondern wagt auf den Weiten der Naturbühne die Swing-Band-Version von "Hello, Dolly". Sieht man von einer kleinen Unstimmigkeit nach der Pause ab, geschieht das sehr erfolgreich und akustisch das Rund füllend. Gerlind Schröder beweist einmal mehr ihre glänzende Rhetorik, ihre Spielstärke und ihre wunderbare Singstimme. Da stört es kaum einen Zuschauer, dass ihr kein riesiger Showtreppen-Auftritt vergönnt ist. Dafür wird sie, ganz Grand- Dame, in einer Schubkarre auf die Bühne gefahren. Das Publikum liegt der Diva ebenso zu Füßen wie der ganze "Harmonia Garden", wenn sie vor weiblichem Selbstbewusstsein strotzend sich wieder ins Broadway- Leben wirft und eine Charme-Offensive startet.
Wunderschön, dass bei allen der Stringenz der Bergtheaterhandlung geschuldeten Strichen, gerade die Zwiesprache von Dolly mit ihrem verstorbenen Ephraim sehr sensibel herausgearbeitet wurde. Doch die von Imme Kachel ausgestattete Pototzki-Inszenierung zeichnet weit mehr aus: Bis in Nebenrollen suchte und fand das Team Darsteller, die Musical-tauglich sind und für sängerische wie darstellerische Qualität bürgen. So umschiffte man die Gefahr, die eine ja leicht angestaubte Vorlage in sich birgt, indem man Frische in die zahlreichen Evergreen legte, so zeitgemäß wirkt, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, all zu sehr zu modernisieren.
Klaus-Uwe Rein sang und spielte den knausigen Krauter Vandergelder, dessen Schutzpanzer so dick war, dass wenig Menschlichkeit und schon längst keine amourösen Avancen ihn durchbrechen konnten. Und er kapitulierte letztlich doch vor dem Charme der Dolly. Dazu fand die Regie ein sehr gelungenes Bild von leeren Stühlen, die ihn einkreisten und gleichzeitig abschotteten. Tobias-Amadeus Schöner und Ingo Wasikowski gefielen als clevere wie in ländlichen Yonkers vom Liebesleben wenig berührten Cornelius Hackl und Barnaby Tucker. Bettina Pierags singt mit viel Melancholie eine nach Liebe hungernde Irene Molloy, Thea Rein steht ihr dauerrauchend als nette Verkäuferin Minnie Fay zur Seite. Amrei Wasikowski heult begnadet und kommt auch an den Mann. Norbert Zilz scheint als Oberkellner Rudolph voll in seinem Element und dirigiert sein Personal mit der Trillerpfeife. Im Bergtheater also eine flotte "Dolly", ein munterer und quicklebendiger Sommerspaß, der sehr zu empfehlen ist, nicht nur für Heiratskandidaten!