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Musikalische Leitung MD Johannes Rieger Inszenierung Hinrich Horstkotte a.G. Ausstattung Hinrich Horstkotte a.G. Hoffmann Raymond Sepe a.G. Die Muse/Niclas Regina Pätzer Lindorf/Coppelius/Mirakel/Dapertutto Juha Koskela Andreas/Conchenille/Franz/Pitichinaccio Tobias Amadeus Schöner Olympia Bettina Pierags Antonia Bettina Pierags / Kerstin Pettersson Giulietta Bettina Pierags / Gerlind Schröder Stella Bettina Pierags Die Stimme Gerlind Schröder Nathanael Ki Soo Yoo Spalanzani/Hermann Schlemihl/Luther/Crespel Gijs Nijkamp
VON UWE KRAUS
Immer wieder fragt sich der Besucher, in welch mystisches Reich von Fantasy, Sinnestäuschung und Zauberei er da entführt wird. In kräftigen Dosen fließt das Gespenstische der Hoffmann-Vorlage ins Stück ein. Hände wachsen aus dem Wänden, aus dem Flügel steigen Geister, im Tisch verbirgt sich ein Sarg, Wände verändern ihre Fluchten, Kronleuchter schwanken im Schwung der “Barcarole”: Die surrealen Phantasien E. T. A. Hoffmanns schwappen in die Zuschauerreihen. Tonmalerisch unterlegt geistert und gruselt es kräftig, ohne dass die Effekte die wunderbare Musik von der Bühne verdrängen.
HALBERSTADT/MZ. Es geht Schlag auf Schlag, Premiere auf Premiere in diesen Tagen am Nordharzer Städtebundtheater. Was besticht: drei Wochenenden aufeinander, dreimal volles Haus, dreimal Begeisterung und viel Beifall. Vorläufiger und wohl der spektakuläre Opernhöhepunkt der Saison ist Jacques Offenbachs Episoden-Werk “Hoffmanns Erzählungen” in der Regie und Ausstattung von Hinrich Horstkotte. Der Enddreißiger ist längst kein heuriger Opernhase mehr, sondern am Nordharzer Städtebundtheater ein gern gesehener Theatermacher. Sein neuester Coup schließt sich an seine Vorinszenierungen an. In diesem Meisterwerk des Ensemble-Theaters vereint er den Ideenreichtum seiner “Zar und Zimmermann”-Aufführung mit der Werktreue von “Martha” zu einem Bühnenspektakel der Gänsehaut-Liga.Surreale Phantasien
Unter Leitung von MD Johannes Rieger spielt das Orchester bestens aufgelegt auf, ohne sich in romantischer Schwülstigkeit zu ergehen. Dabei besticht Riegers Achtsamkeit den Sängern gegenüber und damit die gelungene Abstimmung zwischen Graben und Bühne. Horstkotte bleibt bis auf wenige Striche eng bei Offenbach, weil so ein Stück keinen vom Original wegführenden Schnickschnack benötigt. Der Regisseur verlässt sich auf die überwältigende Musik, die abgefahrene Geschichte des liebend scheiternden Dichters und auf ein bestens präpariertes Ensemble.
Darauf legt Horstkotte großen Wert, dass jeder Akteur bis zum Statisten-Schatten in seiner Inszenierung alles gibt, um ein überzeugendes Gesamtwerk zu schaffen. Jan Rohzenals Chöre, der eigene wird von Coruso e.V. bestens unterstützt, leisten nicht nur stimmlich, sondern auch in den rasch wechselnden Szenen Großes. Dabei scheinen die Ankleiderinnen Schwerarbeit zu leisten, schwelgt doch der Ausstatter Hinrich Horstkotte in sehr detailreichen, sehr farbigen Kostümierungen. Der Regisseur besetzt die vier weiblichen Rollen, die mechanische Puppe Olympia, die todkranke Sängerin Antonia, die Edelnutte Giulietta und die Diva Stella mit einer Frau: Bettina Pierags. Es gibt wohl wenige Künstlerinnen und noch dazu an Häusern dieser Größenordnung, die sich diesen Kraftakt nicht nur zutrauen, sondern die ihn auch so wie diese Sängerin meistern. Ihre Stimme wirkte sicher geführt und kultiviert. Ohne Schärfen in den Höhen und fernab sichtbarer Mühen sank sie in die tiefe Lage Giuliettas und meisterte die anspruchsvollen, quirligen Koloraturen Olympias, Ausdrucksstärke lag in der Antonia. Dazu spielte Bettina Pierags ihr ganzes darstellerisches Vermögen aus, räkelte sich lasziv als Kurtisane und sorgte für ihre klischeefreie Olympia mit Apfelsparschäler und harter Hand dafür, dass es Szenenapplaus und Lacher in der Oper gab.
Das Schöne an der Inszenierung: Die Sopranistin hat ebenbürtige Partner. Raymond Sepe hat schon immer mit dieser Rolle aus dem deutschen Fach geliebäugelt: Als bestens konditionierter romantischer Antiheld verlässt ihn zwar das Liebes-Glück, die Sympathien des Publikums fliegen dem Tenor jedoch zu, auch wenn sein Hoffmann im Alkoholismus endet. Stimmlicher Glanz erstrahlt da bei aller Tragik, gepaart mit erfrischender Bühnenpräsenz.
Viel Profilierung
Bei Sepe spürt der Zuhörer seine Souveränität im Umgang mit dieser Figur, der teuflische Gestalten immer wieder mit Tricks und rosaroten Brillen alles vermasseln. An seiner Seite agiert Regina Pätzer als großartige Muse Niklas. Der Regisseur gab der wegbegleitenden Figur viel an Profilierung mit. Die Sopranistin strahlt mit einer starken musikalischen Leistung von der Bühne, ihre Koloraturen haben Leuchtkraft, ihr Dasein zieht den Zuhörer in den Bann. Juha Koskela, der Hoffmann in stets neuer Figur immer wieder in die Quere kommt, gefällt in seinem diabolischen Auftreten und liefert mit guter Phrasierung gewohnt hochklassigen Baritonklang und vermag locker in verschiedene Bösewichtskostüme zu schlüpfen. Körperlich besonders gefordert wird als Kleinwüchsiger Tobias Amadeus Schöner, der dies prima meisterte.
Insgesamt erlebt das Publikum eine ausnehmend gelungene Marathonvorstellung, in der ein Mann ungesunde, unechte oder unromantische Frauen liebt und dabei von einer unglücklichen Beziehung in die nächste stolpert. Schade nur, dass Hinrich Horstkotte mit der Tradition brach, sich wie Alfred Hitchcock stets selbst in der Inszenierung zu verewigen. Immerhin, seine Hand wuchs aus der Seitenwand. Aber wer erkennt die schon.
Betörend schöne Traumreise mit einer wahren Bilderflut
Von Hans Walter
Am Freitag hatte die Inszenierung von Jacques Offenbachs letztem Werk „Hoffmanns Erzählungen“ von Hinrich Horstkotte Premiere am Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt. Am Pult stand der Intendant, MD Johannes Rieger. Fast eine Viertelstunde Applaus mit Bravo- und Hochrufen, davon 13 Minuten Standing Ovations.
Halberstadt. Solch farbigen, fantasievollen und aufregenden „Hoffmann“ kann man lange suchen. Derzeit steht das Werk an der Komischen Oper in Berlin, Frankfurt/Main, Gießen, in Lüneburg, Mannheim, an der Theaterakademie München, Solingen und anderenorts im Spielplan. Die Halberstädter Inszenierung dürfte eine der besten sein. Der 1972 geborene Horstkotte inszeniert ohne modernistischen Schnickschnack, aber mit einem Höchstmaß an Überraschungen und einer Werktreue, die Jacques Offenbach ganz dicht auf der Spur bleibt. In Personalunion ist der Regisseur zugleich Ausstatter. Das schafft der vertrackten Geschichte um den Looser Hoffmann und seine vier Lieben – die Puppe Olympia, die Sängerin Antonia, die Kurtisane Giulietta und die Diva Stella – eine surrealistisch anmutende Bilder- und Erlebnisflut. Eine betörend schöne Traumreise. Horstkotte vertraut der Musik. Sie fließt förmlich auf die Bühne. Jeder Klang, jedes Crescendo und jeder instrumentale Einspruch des unter Leitung von MD Johannes Rieger vorzüglich aufspielenden Orchesters verwandelt sich auf der Bühne in Bewegung. Diese Einheit von Musik und Szene erlebt man selten. Zu Gehör kam die quellenkritische Ausgabe von Fritz Oeser. Gespielt wird in einem Einheitsbühnenbild. Der Raum offenbart sich zunächst als Weinstube bei Lutter & Wegener. Links die Türen und Bilderrahmen sind perspektivisch verkürzt, Balken gliedern ihn, rechts flackert ein Kamin, im Hintergrund ein großes Fenster.
Chöre sind auch szenisch hervorragend
Ein Plafond – vorzüglich für die Akustik – und ein Kronleuchter schließen den Raum nach oben ab. Er wird zum Gruselkabinett Spalanzanis, in den Bilderrahmen drehen sich große beobachtende Augen zu Olympia. Und zur Wohnung Crespels, in der plötzlich die Mauern durchsichtig werden und der unheimliche Doktor Mirakel die todkranke Antonia durch alle Wände und den Kamin bedrängt. Im Venedig-Bild neigen sich die Wände und werden zu einem Dampfer mit Bullaugen, der Leuchter schwingt im Takt der Barkarole „Schöne Nacht, du Liebesnacht“ – die Imagination ist vollkommen! Da braucht es keine Barke für Giulietta, wie sonst üblich. Die Chöre – vorzüglich von Jan Rohzenal einstudiert – leisteten auch szenisch Hervorragendes. Sanges-, Spiel- und Verkleidungslust vom Feinsten. Was Horstkotte als Kostümbildner leistet, kann man auch an der großen Anzahl der Sänger und ihrem in jedem Bild wechselnden Outfit ermessen! Oft sind die Übergänge fließend. Eben tummelt sich noch die Karnevalsgesellschaft mit ihren Masken im Bild, schon drängt die biedermeierliche Männergesellschaft mit ihren Korpsmützen herein; die Szene wandelt sich zum Eingangsbild. Raymond Sepe gab den Hoffmann. In der Maske charaktervoll wie der junge Schubert, zeigte er die Odyssee seines Helden eindrucksvoll zwischen größter Liebe, herbster Enttäuschung und Abstieg und Suff mit tenoralem Glanz. Als Muse an seiner Seite war Regina Pätzer – mit einem schönen, erzählerisch klaren Sopran. Bettina Pierags zeigt als Stella, Olympia, Antonia und Giulietta aufregende stimmliche Wandlungsfähigkeit. Die lyrisch Leidende nimmt man ihr ebenso ab wie das Hochdramatische und die Koloraturen. Und wie sie das Darstellerische dieser vier so unterschiedlichen Rollen bewältigt, ist grandios. Ihre schlagende, Äpfel schälende und Hoffmann bedrängende Puppe Olympia war dabei das Sahnehäubchen und ganz fernab der gewöhnlichen Aufzieh-Komik!
Eine kluge Charakterstudie
Ähnlich beeindruckend in Stimme und Darstellung in vier Rollen – die sängerisch und vor allem spielerisch alles abverlangten – trat Juha Koskela als Lindorf, Coppelius, Doktor Mirakel und Dabertutto auf. Tobias Amadeus Schöner war als Andres, Conchenille, Frantz und Pitichinaccio der „ewige Zwerg“, eine artistische Glanzleistung des Sängers wie des Kostüms nebst der historischen orthopädischen Beinschiene vom Sanitätshaus Disse. Es war eine kluge Charakterstudie des Dichters Hoffmann, würdig seiner düsteren Fantasie. „Man ist groß durch die Liebe und größer noch durch Tränen“, singt seine Muse am Ende. Ein tröstlicher, haltbarer Schluss.