
Musikalische Leitung Violetta Kollar / Symeon Ioannidis Inszenierung und Choreographie Klaus Seiffert a.G. Ausstattung Seymour Markus Manig Audrey Julia Siebenschuh Mr. Mushnik Arnold Hofheinz Orin Benedikt Florian Schörnig Penner, Kunde, Geschäftsleute etc. Jörg Vogel Audrey II (Pflanze) Mario Mariano a.G. Audrey II - Puppenspiel Bertram Beier Chiffon Chrystal Ronnette Jenny Winkler a.G. Band Michael Rossol a.G.
Volksstimme Halberstadt, 3.1.2011
Von Hans Walter
Das Kultmusical „Der kleine Horrorladen“ erlebte Silvester im Großen Haus Quedlinburg des Nordharzer Städtebundtheaters seine gefeierte Premiere. Neun Minuten Applaus, Fußgetrappel und Bravorufe der 280 Zuschauer im ausverkauften Haus.
Es gehört zu den Traditionen, dass die Nordharzer Schauspieler zu Silvester in Quedlinburg eine Premiere präsentieren. Schwarzhumorig diesmal. Die Blumen von Mr. Mushnik (Arnold Hofheinz) verkaufen sich schlecht im abgewrackten Viertel Skid Row. New York von seiner trostlosesten Seite. Mushniks Gehilfe Seymour (Markus Manig) – einst von ihm als Waise aufgesammelt – hat zwei linke Hände. Seine Verkäuferin Audrey (Julia Siebenschuh) wird alle naselang von ihrem Freund, dem sadistischen Zahnarzt Dr. med. dent. Orin Scrivello (Benedikt Florian Schörnig), verprügelt. Schlechte Karten für den Blumenverkauf. Doch dann kommt Seymour mit einem absonderlichen kleinen Grüngewächs an – für einen Dollar und 95 Cent gekauft -, und gibt ihm den Namen Audrey II. Die Pflanze wird eine Sensation. Der Laden beginnt aufzublühen. Audrey II wächst ohne Unterlass und entwickelt nach und nach eine unstillbare, unheimliche Gier nach Menschenblut. Erstes Opfer wird der in Einzelteile zerhackte Zahnarzt. Dann springt Mr. Mushnik über die Klinge – er wackelt noch Abschied nehmend beim Verschwinden im Schlund von Audrey II mit den Beinen. Sag zum Abschied leise Servus! Zum Schluss müssen Audrey und Seymour selbst und ein Geschäftemacher (Jörg Vogel) daran glauben. Die von einem Chinesen stemmende gefräßige und gierige Blume schickt sich an, die Weltherrschaft zu übernehmen – ganz wie im realen Wirtschaftleben
Herrlich hintergründig
Das Musical von Alan Menken (Musik) und Howard Ashmann (Buch und Liedtexte) wurde seit der Uraufführung 1982 zum Kult. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung – alles ist drin. Ein herrlich hintergründiges Werk! Zehn Darsteller und eine kleine vierköpfige Band machten die Premiere zum Vergnügen. Einziger Schwachpunkt ist die Ausstattung. Auf der Szene steht die ganze Zeit ausschließlich der Blumenladen. Ein karges Einheitsbühnenbild, das die Sozialstation von Skid Row wenig lokalisiert und den wundersamen Aufstieg seiner Bewohner bis zur Pause der gut zweistündigen Produktion mehr behauptet als zeigt. Danach geht’s besser. Das ist wohl den Finanzzwängen des Theaters geschuldet, das schon die Produktion im Harzer Bergtheater mit minimalem Ausstattungsetat bewerkstelligte und nun zwölf Vorstellungen in die festen Häuser Halberstadt und Quedlinburg holt.
Der „Horrorladen“ erfreut mit Fantasie und künstlerischer Machart sein Publikum. Das ist vor allem das Verdient des Regisseurs und Choreografen Klaus Seiffert, der in Deutschland und Österreich als Theaterwissenschaftler, Schauspieler, Sänger und Tänzer brillierte (Dramaturgie: Sylvia Sarnow). Lediglich das klitzekleine sängerisch und tänzerisch gut aufgelegte Schauspielensemble und drei hinzuengagierte Musicaldarstellerinnen (Tamara Bauer, Anna Stijohann und Jenny Winkler) als wache Straßengören tragen den Erfolg auf ihren Schultern, mit ihren Stimmbändern und ihren flinken Füßen davon Es gibt keinen Chor und kein Ballett. Solch Stimm- und Bewegungsvokabular findet man bei deutschen Schauspielern nicht allzu häufig – wohl auch dem musakantischen Kopf und Intendanten des Nordharzer Städtebundtheaters Johannes Rieger geschuldet, der bei den Engagements auf größtmögliche Variabilität seiner Akteure viel Wert legt. Alle Achtung!
Ausstatter Kaspar Haessig stellte den gefräßigen Super-Sonnentau, die fleischfressende Pflanze, in drei Größenordnungen in den Laden. Eine herrliche Parodie, wenn Audrey II mit Bassstimme (Mario Mariano live) ihr „Gib’s mir“ singt, von Bertram Beier mit dem Klappmaul animiert. Das bleibt aber fast die einzige, ständig wiederholte Aktion der Pflanze. Auf Dauer wird sie langweilig.
Häuschen im Grünen
Schön das masochistische Blondchen Audrey, das insgeheim von einem Häuschen im Grünen träumt. An der Autobahn. „Nur ich, der Toaster und ein lieber Mann wie Seymour.“ Julia Siebenschuh bringt eine große Rockröhre für die Rolle mit und kann dennoch sentimental und zart wie ein Häkeldeckchen sein. Markus Manig als Seymour ist die zweite Entdeckung – regelrecht farblos als Blumenzüchter zu Beginn, der sich zunehmend aufbaut, Profil als Unternehmer und Medienstar bekommt und mit Gewissensbissen und Beherztheit zum Schluss gegen die Pflanze opponiert. In Duetten mit Audrey und Audrey II hält er locker mit. Andreas Hörnig, Christian Fischer und Michael Rossol unter Leitung von Violetta Kollar (alternierend mit Symeon Ioannidis) sind das exquisite Projekt-Orchesterchen im Graben, das eine vielfarbige Musik von Swing bis Rock’n Roll Hervorzaubert. Sehr empfehlenswert!
Volksstimme Magdeburg vom 22. Juni 2010
Die Monsterblume ist verdammt gefräßig. Geräuschvoll verschlingt sie menschliche Extremitäten und gar Menschen im ganzen Stück. Im Musical „Der kleine Horrorladen“ treibt diese ominöse Pflanze namens „Audrey II“ ihr schauriges Unwesen. Am Wochenende feierte eine gelungene Inszenierung vom Nordharzer Städtebundtheater Thale Premiere.Von Claudis Klupsch
Thale. „Der kleine Horrorladen“ hat seit den 80er Jahren Kultstatus erreicht. Die skurril wie lustige Story, gespickt mit rockigen Songs und schwülstigen Balladen von Komponist Alan Menken, ist großer Musical-Spaß. Die Harzer Inszenierung von Klaus Seifert setzt die Vorlage charmant und mit viel Liebe zum Detail in Szene. Mit dem ersten Ton ist das Publikum gefangen im Skid Row (Pennerviertel), Down Town, Manhattan. Das clevere Bühnenbild ermöglicht den Blick sowohl in den ruinösen Blumenladen von Mr. Mushnik als auch in das ärmliche Viertel vor der Tür. Drinnen Tristesse mit traurigen Figuren, mit maroden Möbeln und verwelktem Gestrüpp, draußen Bettler an den Mülltonnen, Straßenhändler und freche Gören. Als alle gemeinsam ihr „Skin Row“ besingen, ist die Atmosphäre erst recht stimmig. Die Handlung geht flott über die Bühne. Das Publikum ist von der ersten bis zur letzten Minute wunderbar unterhalten und kann sich getrost auf die schräge Geschichte einlassen. Es ist die merkwürdige Pflanze, die den Laden vor dem Aus rettet. Ihre Außergewöhnlichkeit lockt die Kundschaft an, der Laden brummt, traurige Gestalten werden reich, das Viertel blüht auf. Doch das Grünzeug hat es in sich. Als Topfpflänzchen gibt es sich noch mit ein paar Tropfen Blut zufrieden, zum Ungetüm herangewachsen verlangt es nach Fleisch – Menschenfleisch. Der Horror im Laden nimmt seinen Lauf.
Das Ensemble auf der Bühne erfreut schauspielerisch wie gesanglich. Es beherrscht, Tanz, Gesang und Dialoge nahtlos ineinander überzugehen zu lassen. Fein zeichnen die Schauspieler die skurrilen Figuren. Markus Manig gibt den hilflosen und tolpatschigen Seymour herzerweichend. Julia Siebenschuh rührt als kesse Monroe-Verschnitt mit „Nehmer-Qualitäten“. Arnold Hofheinz zeigt überzeugend die Wandlung vom Bankrotteur zum verschlagenen Geschäftsmann. Benedikt-Florian Schörnig geht in der Rolle des fiesen Zahnarztes auf. Erfrischend sind die drei Damen Tamara Bauer, Anna Stijohann und Jenny Winkler, die tanzend und singend das Geschehen kommentieren.
Die Killerpflanze ist grandios in Szene gesetzt. Das Publikum wird mit ihren Metamorphosen immer wieder konfrontiert. Am Ende ähnelt sie einer riesigen Erdbeere mit wulstigen Lippen und spitzen Zähnen. Daumen hoch für dieses von Ausstatter Kaspar Haessig geschaffene Monster, für Puppenspieler Bertram Beier und Sprecher Mario Mariano! Lacher sind garantiert, wenn die Horrorpflanze mit „Gib`s mir, gib`s mir“ ihr Spezialfutter fordert.
Musikalisch setzt das Stück immer wieder Höhepunkte. Das Zusammenspiel von Schauspielern und munter aufspielender Live-Band ist gut abgestimmt. Songs wie „Jetzt hast du Seymour“, „Zahnarzt“ und „Ein Häuschen im Grünen irgendwo“ gehen ins Ohr, Tänze wie der von „Vater und Sohn“ machen Spaß. Mit einem Medley holen sich die Schauspieler ihren wohlverdienten Applaus ab. Das Publikum dankt ihnen herzlich für den amüsanten Abend voller schwarzem Humor, dem die tiefsinnige Botschaft nicht fehlt.
VON UWE KRAUS THAlE/MZ
"Der kleine Horrorladen", das Kultmusical mit dem grünen Daumen, gehört zum Trashigsten, was so über die internationalen Bühnen geht, von "The Rocky Horror Show" mal abgesehen. Nach fast zwei Jahrzehnten inszeniert es das Nordharzer Städtebundtheater mal wieder, jedoch statt mit dem Musiktheater- mit dem Schauspielensemble. Klaus Seiffert inszenierte uud choreographierte mit flotter Hand das skurrile Brachialwerk mit sadisäschern Dentisteu, blutrünstiger Monster-Primel und menschlichen Düngerstäbchen. Eigentlich beginnt alles so blumig. In der Skid Row, einer heruntergekommenen New Yorker Gegend, steht "Mushniks Blumenladen". Weil sich hierher keine zahlungskräftigen Käufer verirren, will dessen Inhaber (Arnold Hofbeinz) die Rollos für immer runterlassen. Da naht Rettung in Gestalt seines etwas tölpeligen Angestellten Seymour. Der hat in der hintersten Gewächshausecke eine ungewöhnliche Pflanze geklont. Er nennt sie nach seiner Kollegin und Frau seiner Träume "Audrey Zwo". Seit sie in die Auslage gerückt wurde, boomt das Gescbäft auch mit Rosen, Astern und Nelken. Die Welle der Medienmonster scheint den einst erfolglosen Blumenladen zu überrollen. Seymour wächst neben seiner wuchernden Schöpfung zum botanischen Superstar.
Getrieben von eigener Schöpfung
Markus Manig beginnt als ziemlich vertrottelter Typ mit dicker Brille und verschnittenen Klamotten. Sein Seymour wirkt naiv-blauäugig und voller Tragikomik. Zu einem schönen Moment gestaltet sich sein Familien-Duett mit Amold Hofbeinz. In seiner Not, Fresserchen fürs Super-Blümchen herbeizuschaffen, wandelt er sich zum von seiner Schöpfung Getriebenen, der seinen Zahnarzt zerlegt und filetiert ins Fleisch fressende Grünmaul schiebt. Jenem schmierigen lachgasabhängigeu Sadisten mit der Lizenz zum Bohren, Orin, gibt Benedikt Florian Schörnig in fransigem Lederoutfit und mit Elvis-Frisur sehr glaubbaft Gestalt. Audrey schwingt sich devot bis ins Detail auf dessen Simson-Habicht, obwohl er sie mit Handschellen, Veilchen und verletztem Arm in den Blumenladen schickt. Dort findet er sein wenig florales und vou seiner Liebsteu nicht beweintes Ende. In der Rolle der Audrey kann Schauspielerin Julia Siebenschuh beweisen, dass sie durchaus stimmlich zu punkten vermag. Etwas an Marilyn Monroe angelehnt, hängt sie ihren Träumen nach. Sie stöckelt auf der Bühne, beklagt die Situation und wünscht sich ein bescheidenes Stückchen vom Glückskeks dieser Welt. Das wirkt anrührend und vielleicht etwas weItentrückt, doch durchaus glaubwürdig. Dank der Statisterie wirkt die Szenerie im ärmlichen Stadtteil Lower Eastside sehr lebendig. Jörg Vogel obliegt es, immer wieder komische Akzente zu setzen, indem er sich vom Penner bis zur exaltierten Verleger- Gattin durch das gruselige Unternehmen spielt, ohne Lebendfutter für Audrey 11. zu werden. Diese erst zarte Pflanze wuchert sich zunehmend hungrig schaufensterfüllend durch den Laden. Mario Mariano gibt ihr die Stimme, Bertram Beier führt die Puppe, bei der man gerne wüsste, wo sie Ausstatter Kaspar Haessig hat schöpfen lassen.
Grüner Daumen nach oben
Musikalisch begleitet wird das temporeiche Spiel unter Leitung von Symeon Ioannidis von Andreas Hörnig, Christian Fischer und Michael Rossol mit einer unterhaltsamen Mixtur aus Rock 'n' Roll, Popballade und weichgespülten Melodien. Sie sitzen quasi in einem Nebenhaus von Mushiks Blumenladen, verfolgen das Geschehen und geben den Background-Girls den Notenteppich. In wandelnden Kostümen vornehmlich der 60er Jahre kommentieren zumeist im ausgewogenen stimmlichen Dreiklang und zunehmend geschäftstüchtiger Anna Stijohann (Crystal), Tamara Bauer (Chiffon) und Jenny Winkler (Ronette) das gruselige Geschehen. Für diese Freiluft-Inszenierung heißt es: Grünen Daumen nach oben.