Im Jahre 1828 sorgte ein Findelkind für internationale Schlagzeilen. Im Alter von 16 Jahren wurde der sprach- und geistesschwache Kaspar Hauser aufgefunden. Der junge Mann, in der Obhut von Gefängniswärtern, Theologen und Pädagogen zum Objekt der Anschauung geworden, behauptete, seine Kindheit in einer dunklen Kammer, eingesperrt bei Brot und Wasser, verbracht zu haben. Auch gab er an, die Schnittwunden an seinem Körper stammen von Attentätern. Oder fügte er sie sich selbst zu in einer Welt, die er nicht verstand und die ihn nicht verstand? Kaspar Hausers Leben ist zum legendenumwobenen Mythos geworden und immer wieder Anreiz zur künstlerischen Auseinandersetzung und gesellschaftlicher Diskussion über Ausgrenzung und Misshandlung. Ballettmeister Jaroslaw Jurasz zeigt diese unglaubliche Geschichte mit expressiver Tanzsprache auf eine eigens dafür komponierte Musik von Irineos Triandafillou, von dem er zuletzt die erfolgreiche Ballettmusik „Alexis Zorbas“ inszenierte.
Aufführungsdauer: 2 Std.
Besetzung
| Inszenierung und Choreografie | Jaroslaw Jurasz |
| Ausstattung | Kordula Kirchmair-Stövesand a.G. |
| Kaspar Hauser | Jaroslaw Jurasz / Stephan Müller |
| Baron | Daniel James Butler |
| Mutter | Katia Alves de Alencar |
| Lehrer | Marcelo Dono / Stephan Müller |
| Wärter | Jaume Bonnin |
| Volk / Gesellschaft / Die Schwarzen | Ballettensemble / Tanzstatisterie |
Pressestimme: Verstörend und mitreißend
Volksstimme, 20.9.2010
Die Geschichte des Kaspar Hauser hat viele Facetten. Eine geradezu stürmisch umjubelte Sicht brachte am Freitag im. leider nur mäßig besetzten Uraufführungshaus in Quedlinburg Halberstadts Ballettmeister Jaroslaw Jurasz als ausdrucksstarker Choreograf und vor allem auch als Solist in die lange Werkgeschichte ein.
Von Hans Walter
Quedlinburg. Nach der eigens komponierten Musik des Gri~ehen Irineos Triandafillou schuf Jurasz sein verstörend-mitreißendes Kammerballett "Kaspar Hauser". Intensiver Applaus nach einem zweistündigen Uraufführungserlebnis für ihn, seine kleine elfköpfige Kompagnie, für den choreografischen Assistenten und Solisten Daniel J ames Butler, für den Komponisten Irineos Triandafillou, für die Ausstatterin Kordula Kirchmair-Stövesand, für die Dramaturgin Susanne Range und den Videokünstler Frank Möller! Damit ist die großartige Ensembleleistung schon angedeutet, aus der Jurasz als Primus inter pares noch herausragte:.Er prägte zwei Stunden ununterbrochen das Geschehen. Seine tänzerische Bühnenpräsenz mit expressiven Sprüngen und eindringlichen Pas de deux war hinreißend! (In der Zweitbesetzung meistert Stephan Müller die Rolle des Kaspar Hauser.) Jurasz erzählte eine mögliche Variante der Hauser-Biografie. Damit reihte er sich ein in die lange Traditionsreihe seiner "literarischen" Ballette für das Nordharzer Städtebundtheater, durch wichtige Stationen wie Othello und Alexis Sorbas markiert, letzteres im Vorjahr bereits mit der Musik von Irineos Triandafillou produziert. Im November 2010 legt Jurasz mit dem Ballett "Romeo und Julia" eine weitere Ausdeutung einer literarischen Vorlage noch nach. In "Kaspar Hauser" spüren Komponist und Choreograf gemeinsam dem Schicksal des am P!ingstmontag 1828, in Nürnberg aufgefundenen badischen Findelkindes Kaspar Hauser nach. Ein Menschenschicksal. Er ist 16 Jahre alt, ist sprach- und geistesschwach. Er berichtet - und das sind die wenigen authentischen Worte in der Handlung - dass er ein Reiter wie sein Vater werden wolle. Die Schönheit und der Duft der Rosen Sein bisheriges Leben läuft vor den Zuschauern ab, seine Ahnung von der liebenden, ihn lebenslang als Vision begleitenden Mutter. Katia Alves de Alencar tanzt sie mit klassischem Schrittmaterial auf Spitze. Da sind seine Geburt, sein Aufwachsen im Kerker bei Wasser und Brot, sein Spielgefährte, ein kleines Holzpferd, der Wärter (eine schöne tänzerische Leistung von Jaume Bonnin), die schwarzen Gestalten, die lebenslänglich immer wieder eingreifen. Der reale Gymnasialprofessor Georg Friedrich Daumer wird im Ballett zum Lehrer, der Kaspar Lesen und Schreiben, Malen und Zeichilen beibringt. Er lernt rasch, doch die schwarzen Gestalten greifen wieder und wieder zerstörerisch in sein Tun ein. Der Lehrer, getanzt von Marcelo Dono, hat wenig Einfluss, die Schatten zu bannen, Kaspar entdeckt - sein Leben im Tagebuch reflektierend - sein Ich, seine Persönlichkeit, Der Baron - mitreißend interpretiert von Daniel James Butler - bestimmt, ganz in flammendes Rot wie die Liebe, das Blut und das Feuer gekleidet, die Zuneigung des Jungen, Er bringt Kaspar auf sein Schloss, vermittelt ihm die Schönheit und den Duft der Rosen, er lässt Werben, Erhören und Liebe zu. Drei Szenen sind es vor allem, die unter die' Haut gehen: Die Erkundung der Persönlichkeit Kaspars mit ej,nem Handspiegel, ganz ohne Musik, Die Entscheidung Kaspars für ihn, in einem expressiven Pas de deux voller Innigkeit, in dem der Baron sein Rüstungsrot, seinen roten Frack, aufgibt und entspannte Körperlichkeit zeigt. Und die Rückverwandlung in ein steifes, gesellschaftliches Wesen im Frack und die Ablehnung Kaspars, als der die höfische Konvention des adligen Kreises im Tanz durchbricht und wirbeinde plebejische Ursprünglichkeit und aufrichtiges Gefühl zeigt, Zum Schluss wird er mit seinen schwarzen Gestalten des Hofes zum Mörder an Kaspar, "Ich will sterben" sind dessen letzte Worte. Anders als in der realen Biografie, in der sich Kaspar Hauser in Lila von Stichaner, die Tochter des Regierungspräsidenten verliebt, zeigt Jaroslaw Jurasz eine andere Liebe. Sie ist quälend und schmerzhaft, doch nicht weniger ehrlich und aufrichtig. Die einzige rote Rose des Barons bedeutet ihm alles, wird ihm zur ganzen Welt, zum Universum! Der Baron hält dieser uneigennützigen, von Konventionen freien Liebe nicht stand. Kaspars Freude und seine Verzweiflung Musikalisch hat Irineos Triandafillou ein: rhapsodisch fließendes, ausdrucksstarkes Werk geschaffen, Der Tanz kommt np.t Walzer-, Ländler- und Gopak- inspirierten Formen zu seinem Recht, daneben sorgen RJangballungen und Tonschichtungen für dramatische Klänge. Eine kunstvolle Fuge ist in die Komposition eingewoben, zeigt Kaspars Freude wie Verzweifiung, überlagert sich choreografisch mit dem Bild der Mutter, Am'Ende bleibt das flammend rote Initial K als einprägsames Zeichen im wunderschön sparsamen Bühnenbild der Ausstatterin Kordula Kirchmair-Stövesand stehen. Das Zeichen steht für Kaspar wie für den Baron in Rot. Und für ihre tragische Liebe, Es war ein großer Ballettabend! Nächste Vorstellungen: 24. September um 19.30 Uhr in der Kammerbühne Halberstadt am 3. Oktober um 15 Uhr im Großen Haus Quedlinburg.
Pressestimme: Tanz führt in die Welt und den Tod
Jaroslaw Jurasz choreografiert am Nordharzer Städtebundtheater "Kaspar Hauser".
VON ANDREAS HILLGER QUEDLINBURG/MZ - Das erste Wort gilt nicht der Mutter oder dem Vater, sondern der eigenen Person: "Kaspar Hauser" würgt der Knabe hervorl als er aus seinem dunklen Gefangnis in die helle Welt gestoßen wird. Fortan wird das alte Kind eine Sensation sein - und eine Provokation für seine Mitmenschen, die in dem unschuldigen Wilden ihr von allen Einflüssen der Bildung und Erziehung befreites Spiegelbild erkennen müssen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Und das endet mit einer Hinrichtung, die einem Selbstmord gleicht. Am Nordharzer Städtebundtheater erzählt der Choreograf Jaroslaw Jurasz nun die wahre Geschichte des rätselhaften Jungen, der die Öffentlichkeit weit über seinen gewaltsamen Tod im Jahr 1833 hinaus faszinierte. . Sein dramaturgisches Konzept ist dabei so einfach wie bezwingend: Während das Schauspiel anhand dieses historischen Kriminalfalls - etwa in Peter Handkes "Kaspar" - das Phänomen des Sprechens verhandelt hat, wird hier die Kaspar Hauser tanzt im Ballsaal. Bewegung zum Mittel der Kommunikation. Jurasz lässt seinen Helden tanzend zur Welt kommen, das Ziel seiner Zivilisierung und der Ort der Katastrophe ist folgerichtig ein Ballsaal. Hier entledigt sich der gezähmte Naturbursche seiner Schuhe und reißt die Damen der besseren Gesellschaft in schwindelerregende Volten. Und hier wird er folgerichtig so sehr gedemütigt, dass thm das Sterben als wünschenswerte Alternative erscheint. Es ist ein bemerkenswerter Abend, den der erprobte Geschichtenerzähler mit seinem Ensemble präsentiert - auch und vor allem darum, weil er seinen Ansatz durch seinen Einsatz beglaubigt. Die Premiere nämlich tanzt der Choreograf selbst, für weitere Vorstellungen ist er alternierend mit Stephan Müller besetzt. Und obwohl die Ausstatterin Kordula Kirchmair-Stövesand der Titelfigur eine Perücke verpasst, die Kaspar unfreiwillig komisch wirken lässt, erobert der sich schon bald die Sympathie der Zuschauer. Aus dem zwangsläufig statischen Auftakt findet das Stück schon bald zu dynamischen Bildern, die sich auch dem Baron (Daniel James Butler) und dem Lehrer (Marcelo Dono) als den beiden anderen großen Charakteren verdanken. Problematisch bleibt die enervierende Musik von Irineos Triandafillou, die dem Geschehen zwar klare Konturep gibt, ihre synthetischen Entstehung aber nicht verleugnen kann. Auch mit dem expressiv überhöhten Bühnenbild wird ein Aufwand getrieben, den die Inszenierung gar nicht nötig hat und der spätestens bei den Aufführungen auf der Halberstädter Kammerbühne problematisch werden dürfte. Zu loben bleibt die Leistung dieses kleinsten Ballett-Ensembles im Lande, das seinen neoklassischen Stil zuverlässig in den Dienst von großen literarischen Stoffen stellt - und in dieser Saison sogar einen Shakespeare-Zyklus anbieten will.