
Inszenierung Hinrich Horstkotte a.G. Musikalische Leitung Martin Hannus Ausstattung Anna Strauß a.G. Lady Harriet Durham Bettina Pierags Nancy Gerlind Schröder Lord Tristan Mickleford Klaus-Uwe Rein Lyonel Xiaotong Han Plumkett Gijs Nijkamp Der Richter zu Richmond Norbert Krug Drei Mägde Thea Rein / Anke Walter / Steffi Gehrke Vier andere Mägde Karin Effenberger / Sabine Scheffler zwei Pächter Volker Jaremko Orchester, Opernchor, Extrachor
und Statisterie des Nordharzer Städtebundtheaters
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Mitteldeutsche Zeitung Quedlinburg, 16.2.2009
Premiere von «Martha» wird in Quedlinburg verdient mit viel Beifall bedacht
von Uwe KrausQUEDLINBURG/MZ. Es biedermeiert kräftig am Theater. Hinrich Horstkotte inszeniert "Martha oder der Markt zu Richmond" von Friedrich von Flotow. Der Regisseur, der mit seiner Sicht auf "Zar und Zimmermann" in der vorigen Spielzeit das Publikum so wunderbar verunsicherte, sendet keine Botschaft, die über das hinaus will, was das Libretto zu "Martha" vorschreibt. Und wie die omnipräsente schweigende Königin heißt, ist nicht wirklich wichtig. Hauptsache, sie (Barbara Gurski) trägt Krönchen, ist gütig und trägt zum Erfolg des Abends bei. Der Regisseur, der erneut auch die herrlichen Biedermeier-Kostüme beisteuerte, wird gerade bei den konservativeren Zusehern punkten. Anna Strauß steht mit ihren stimmigen Kulissen, fein bemalt und praktisch faltbar, dem kostümbildnernden Inszenator nicht nach. Schade nur, dass trotzdem Umbaulängen zu verzeichnen waren, die aber glänzend-königlich überspielt wurden. Horstkotte bekommt mit der Spieloper wunderbar die Kurve, bevor die Handlung in den Klamauk abzugleiten droht. Die scheint schnell erklärt. Lady Harriet Durham (Bettina Pierags) plagt bei Hofe die grüne Langeweile. Nebst ihrer Vertrauten Nancy (Gerlind Schröder) vermarktet sie sich inkognito auf dem Mägdemarkt von Richmond und landet an der landwirtschaftlichen Basis bei Pächter Plumkett (Gijs Nijkamp). Pech nur, dass die beiden Damen vergessen haben, dass sie zur Hofarbeit angeheuert wurden. Da ist Schluss mit lustig, denn weder die wunderbar agierenden Schweine, noch den Bullen oder das Spinnrad kriegen die Neu-Mägde in den Griff. Wenigstens angehimmelt wird die verkleidete Ehrenjungfrau von Victoria I. durch einen Vertreter der Bauernschaft. Bloß sie erhört den lieben, Stricknadel klappernden Lyonel (Xiaotong Han) nicht, denn der ist ja augenscheinlich nur von bäuerlichem Stand. Erst zwei Akte später schnallt sie, dass es sich um einen Vertreter des Hochadels handelt, dem Schlechtes widerfahren war. Da hatte Lyonel schon eine ziemlich schwere Zeit in der Zwangsjacke hinter sich. Die farbenfrohe, mit leichter Hand geführte Inszenierung lebt von richtig guten "Singdarstellern", die der Produktion eine ganz besondere Anmut geben. Mit Bettina Pierags verfügt das Haus über eine Sopranistin, die Leichtigkeit in den Koloraturen offenbart, sich in leuchtende Höhen schwingt und den Opern-Hit von der "Letzten Rose" mit jener Innigkeit darbietet, die so recht nach dem Gusto Flotows ist. Dazu vermag sie darstellerisch den Bogen von der gelangweilten Junior-Adeligen Harriet zur völlig überforderten, doch liebenden Magd Martha zu schlagen. Wie bereits in den "Lustigen Weibern von Windsor" als resolut-charmante Frau Reich steht Gerlind Schröder nun Bettina Pierags als präsente Nancy zur Seite. Ihr komödiantisches Talent spielt sie wieder voll aus, ihr Mezzo klingt tadellos. Besonders spürbar ist das in der Paarung mit dem satten Bass eines spielfreudigen Gijs Nijkamp als Plumkett, der das Porter-Bier preist. Xiaotong Hans Stärke ist die Glaubhaftigkeit in seiner tiefen Verzweiflung, aber auch in seiner Hinwendung zu jener Edeldame, die ihn als nicht ebenbürtig betrachtet. "Was soll ich dazu sagen?", fragt er sprachlos, als die beiden Damen nicht ans ländliche Werk gehen. Und wer antwortet? Marlies Sturm, die als Souffleuse über die Bühne tippelt! Eine Freude wieder, Klaus Uwe Rein als Lord Tristan zu erleben; stimmgewaltig, komödiantisch-vertrottelt, ein Körper gewordener Seitenhieb auf die degenerierte Ritterschaft. Ein dickes Lob geht an Chor-Chef Marbod Kaiser, dessen verstärktes Ensemble sängerisch wie darstellerisch überzeugend agiert. Martin Hannus obliegt die musikalische Leitung. Er ist stets bemüht, die akustische Balance so zu halten, dass das Blech nicht allzu stark dominierte. Insgesamt eine sehens- wie hörenswerte Inszenierung, die verdient mit viel Beifall bedacht wurde.
Volksstimme Halberstadt, 11.2.2009
Von Herbert HenningDer Mecklenburger Friedrich von Flotow war zeitlebens ein Weltenbummler. In seinen mehr als 40 Opern verband er deutschen Ordnungssinn mit französischem Esprit. Seine 1847 in Wien uraufgeführte Oper „Martha“ ist mehr französische Opéra Comique als deutsche Spieloper. Und sie spielt dazu auch noch pikanterweise in England. Quedlinburg. Es war eine schöne Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1815 und dem Beginn der Bürgerlichen Revolution 1848. Von Politik wollte man nach Napoleon nichts mehr wissen. Man malte Landschaften. Möbel, Kleidung – alles brav und bieder. In diese Welt führt uns Hinrich Horstkotte mit seiner zauberhaften Inszenierung der Spieloper „Martha oder der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow. Er hat die Handlung in die Entstehungszeit der Oper verlegt und so wird aus Königin Anna kurzerhand die etwas schrullige Königin Victoria von England, die als „Deus ex machina“ für das Happy End dieser Opernromanze zuständig ist. Dabei ist Hinrich Horstkotte auch für die wunderschönen Biedermeier-Kostüme zuständig, die sich in ein ganz besonderes Bühnenbildkonzept von Regisseur und Bühnenbildnerin Anna Strauß einfügen. Zu Zeiten des Biedermeiers gab es die allseits beliebten Papiertheater mit zusammenfaltbaren Kulissen, die der Natur nachgebildet waren. Und so spielt die Geschichte von Lady Harriet und ihrer Vertrauten Nancy, die sich aus „Spaß“ als Mägde Martha und Julia auf den Mägdemarkt von Richmond begeben und prompt von Plumkett und seinem Freund Lyonel „gekauft“ werden, in so einer „Theaterkulisse“. Da kann auch der eitle und etwas tumbe Lord Tristan nicht helfen und weil die Hausarbeit und das Liebeswerben der beiden Männer den Frauen nicht passen, f üchten sie. Vorher aber blühte noch musikalisch die „Letzte Rose“ und eine zarte Liebe beginnt zu wachsen. Viele Verwicklungen nach der Flucht und ein überraschendes Ende mit einer ganz besonderen „Neuauf age“ des Marktes in Richmond (mit Hilfe eines zauberhaften Papiertheaters) sorgt für ein doppeltes Happy End. Liebevoll im szenischen Detail „spielt“ der Regisseur nicht nur mit der Epoche des Biedermeier. Man erlebt die technische Erf ndung der Fotografe mit Blitzlicht, wenn sich die weibliche Jagdgesellschaft mit Speeren bewaffnet wie die „Walküren“ zum Gruppenfoto f nden.
Mit feuchten Augen wird gestrickt
Immer wieder wird auch vorgeführt, dass hier nichts anderes als Theater gespielt wird. Und da greift schon einmal die Souffleuse höchst selbst mit dem Textbuch ein, wenn der schüchterne Lyonel ob der Arbeitsverweigerung der beiden angeblichen Mägde sprachlos wird und er singend fragt „Was soll ich dazu sagen?“ Romantik auf dem Pächterhof mit quiekenden Schweinen und einem kuschligen Lamm, einem wilden Stier und der Gartenbank, auf der Martha ihr „Letzte Rose, wie magst du“ mit stimmlicher Bravour herzergreifend haucht und Lyonel mit feuchten Augen wie so oft zum Strickzeug greift. Hinrich Horstkotte gelingt die wundersame Gratwanderung zwischen romantischer Musikkomödie und Opernkitsch. Und dass die Aufführung zu keiner Zeit „abstürzt“ ist ein großes Verdienst des wunderbaren Ensembles auf der Bühne und des Orchesters mit Martin Hannus am Pult, der vor allem die großen Ensembleszenen auf dem Markt von Richmond musikalisch befeuert. Die Stärken dieser Aufführung liegen gerade in der Personenführung der Chorensembles. Der verstärkte Chor (Einstudierung: Marbod Kaiser) zeigt sich in unbändiger Spiellaune. Mit Bettina Pierags als bezaubernde Martha, Gerlind Schröder als muntere, resolute Nancy, Erzkomödiant Klaus Uwe Rein als Lord Tristan, Xiaotang Han als schrecklich verliebter, immerzu strickender Lyonel sowie Gijs Nijkamp als draufgängerischer Pächter Plumkett wird diese Inszenierung zu einem Fest schönen Gesanges, gepaart mit Spiellaune und Witz. Und wenn Lyonel herzergreifend nach der Flucht seiner Martha singt „Drum pfück` ich, o Rose“, dann geht voller Rührung ein Raunen durchs Parkett. Ein Opernspaß, der bei der Premiere in Quedlinburg zurecht bejubelt wurde.