
Inszenierung Ausstattung Susanne Bachmann Andrzej Jörg Vogel Thomas Benedikt Florian Schörnig Patricia
Mitteldeutsche Zeitung Quedlinburg, 17.12.2010
VON UWE KRAUS
HALBERSTADT/MZ. Eine Uraufführung auf den Spielplan zu setzen, erfordert gerade in der Zeit knapper Kassen, in der um jeden Theaterbesucher gebuhlt wird, Mut. Wohl wissend, jeder Versuch beinhaltet immer auch die Möglichkeit des Scheiterns. Besucher wie Rezensenten haben keinen Vergleich zu Inszenierungen anderswo und keine Kollegen-Kritik, aus der sie sich etwas leihen können. Die Zuschauer in der ausverkauften Halberstädter Kammerbühne können sagen, sie sind dabei gewesen, als ein Stück des Autors Jörg Menke-Peitzmeyer erstmals auf den Bühnenbrettern zu sehen war. Dass es "Der Nacktputzer" heißt, mag auf den ersten Blick wie ein gut kalkulierter Marketing-Coup wirken, aber in der 75-minütigen Komödie ist genau das drin, was draufsteht.
Und in der Uraufführung traf man genau das Klientel, was bei so einem Titel zu erwarten ist: Drei Viertel der Zuschauerreihen waren weiblich besetzt. Was die Premieren-Stimmung ungeheuer hob und an eine keineswegs abgrundtief lotende Comedy-Show erinnerte. Der Autor pflege sich nicht in Inszenierung reinzuhängen, hat er einmal erzählt. Er könne das Stück durchaus gut loslassen, das dann in den Händen eines Inszenierungsteams ein Eigenleben entwickelt. Jörg Menke-Peitzmeyer, der sich unter das Publikum gemischt hatte, schuf vor wenigen Jahren einen Text, in den einige der sexuellen Standard-Begriffe einflossen. Daraus entstand in der Regie von Olga Wildgruber eine Komödie, in der Jörg Vogel völlig unprüde nackt durch die Wohnung eines Mutter-Sohn-Haushaltes wirbelt. Schließlich ist er ja genau das: Nacktputzer. Nur geht es bei dem als einer der bekanntesten Kinder- und Jugendtheater-Autoren der Gegenwart gefeierten Menke-Peitzmeyer um weit mehr. Denn öfter als um Geschlechtsteile dreht es sich um Al Quaida und das weltweite Terror-Netzwerk. In diese Hysterie steigert sich auch Mutter Patricia hinein. Ihr Sohn Thomas (38) engagiert für seine Mutter in einer Schwulen-Kneipe einen männlichen Putzdienst, der als Arbeitsanzug nur einen roten Tanga in der Aktentasche trägt. Der Gast soll wieder Feuer in das Mutter-Leben bringen. Schließlich habe Patricia seit dem Tod ihres Mannes keinen nackten Mann mehr gesehen. Denkt Thomas.
Als der Putzdienst kommt, ist der männlich, Pole und stammt wie ihr Seliger aus Oberschlesien. Die aufmerksame Bundesbürgerin Patricia strickt an Verschwörungstheorien, hat die Durchwahl zum BND und schlägt wegen Putzmann Andrzej Terroralarm. Das SEK stürmt die bis dahin blitzsaubere gutbürgerliche Wohnung und ramponiert dabei auch das Gesicht des Nacktputzers. Der splitternackte Putzmann wirbelt allein schon durch sein Da-Sein das eingefahrene Leben von Mutter und Sohn in ihrer Wohnung (Ausstattung: Susanne Bachmann) durcheinander. Papas Asche steht auf einer Säule, die Wände schmücken Puzzle-Bilder, die der biedere Thomas, nachvollziehbar gehemmt von Benedikt Florian Schörnig gespielt, irgendwann zusammen bekommen hat. Jörg Menke-Peitzmeyer versucht, die häuslichen Abgründe zwischen Zahnpastatuben-Verschluss und zweitem Blusenknopf auszuloten. Es wird geplaudert über die Zeit der Sprachlosigkeit. Die liebende, von der beeindruckenden Edith Jeschke gespielte Mutter, wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der knapp 40-jährige Nesthocker seine Körperlosigkeit und entsetzliche Leere verliert, ob mit einem Mann oder einer Frau, scheint ihr völlig egal. Aus dem Gesprächsversuch über ihre Wünsche, Ängste und Lebensvorstellungen entwickelt sich flugs neues Gegeneinander, wenn jeder von beiden behauptet, er habe längst einen Partner: Sie jemanden, der ihr in den Ausschnitt guckt, den Orthopäden Dr. Keck, und er eine Urologin mit Doppelnamen, die er schon vom Schulhof kennt. Die Beweise bleibt man sich und dem Publikum schuldig.
Jörg Vogel macht in der Titelrolle im wahrsten Wortsinne eine gute Figur, wieselt durchs Zimmer, duelliert sich mit dem Sohn des Hauses per Staubwedel. Er hält mit seinen Worten vieles in der Schwebe, sorgt für viele Lacher im Publikum, die leider manchen hintergründigen Satz fast überhören lassen. Und irgendwann platzt in diesem Verwirrspiel fürs Publikum die Bombe. Und Patricia und Thomas stehen zwar angezogen, aber irgendwie nackt da. Das Publikum hat den "Nacktputzer" gesehen, applaudiert brav und entschwindet. Schade, nicht mal Blumen gab es, als Dankeschön für die Uraufführung und eine nicht witzlose reichliche Kammerbühne-Stunde. Oder zumindest, um die Nacktheit dahinter zu verstecken.
Volksstimme Magdeburg, 6.12.2010
Von Hans Walter"Der Nacktputzer" rief am Freitag zur Uraufführung in die Kammerbühne des Nordharzer Städtebundtheaters in Halberstadt – und vor allem die holde Weiblichkeit kam, das Stück des Dramatikers und Schauspielers Jörg Menke-Peitzmeyer zu sehen und zu schauen.
Halberstadt. Das Vergnügen aber hielt sich in Grenzen. Trotz Kicherei und Gickerei beim Anblick des nackt wirklich sehenswert-attraktiven Titelhelden nur ganze zweieinhalb Minuten tröpfelnder Schlussapplaus für die drei Darsteller, für das Regieteam und den Autor. Warum bloß so wenig Beifall?
Die Fabel: Der Sohn Thomas (Benedikt Florian Schörnig), Ende 30, heuert für seine Mutter Patricia (Edith Jeschke) den Nacktputzer Andrzej (Jörg Vogel) an, damit diese nach 36 Jahren Witwentum endlich wieder einmal einen leibhaftigen nackten Mann zu Gesicht bekommt. Andrzej stammt (wie schon der polnische Vorname sagt) aus Wroclaw, kam nach Deutschland, ist verheiratet, hat zwei Söhne und studierte 19 Semester (!) Sozialwissenschaft, um dann im Job umzusteigen. Ein cleverer Entschluss, der endlich Geld in die Haushaltskasse spülen soll.
Aber Mutter Patricia ist schon versorgt – seit acht Jahren ist sie mit einem Dr. Keck liiert. Kein Interesse, sieht man einmal vom güldenen Plisseerock ab, den sie gegen den Schlabber-Hausanzug gewechselt hatte, als Andrzej sein segensreiches Werk beginnt.
Also ist der Nacktputzer ein Schmäckerchen für Sohn Thomas? Immerhin wurde er in einer Schwulenkneipe bei Lack und Leder gesichtet. Aber Fehlalarm: Er hat seit sechs Jahren ein Verhältnis mit einer Urologin von gegenüber. Trost für die Mutter, dass ihr Sohn mit dem Charme eines gekrümmten Feuersalamanders weder schwul noch Kinderschänder ist.
Bevor der smarte Andrzej mit Mühe und Not sein Geld ausgezahlt bekommt, muss er sich noch den Einbruch einer Anti-Terror-Einheit ins gepflegte Heim und die schlagkräftige Verdächtigung als Al Quaida-Terrorist gefallen lassen. Am Ende stehen Mutter und Sohn wieder traulich vereint zusammen. Alles bleibt so dröge und verklemmt, wie es zu Beginn war. Und Schluss nach 75 langen Minuten. Endlich!
Was bloß trieb den Autoren Jörg Menke-Peitzmeyer an? Ein Schlüsselerlebnis mit dem Charakterdarsteller Kurt Böwe als Kommissar Groth? Nach einem Blick auf einen Nacktputzer soll Böwe am 7. Dezember 1993 in einem Schweriner "Tatort" gesagt haben: "Das ist die Marktwirtschaft!" So eine Szene im Stück – wobei Böwe im "Polizeiruf 110" des NDR spielte und das Datum rein fiktiv ist.
Zur Komödie aber fehlt Entscheidendes: menschliche Charaktere mit wenigstens einem Fitzelchen an Größe und Würde. Alle Konflikte plappern sich weg, lösen sich verbal im Handumdrehen. Damit sind sie verschwunden. Keine der drei Figuren, die genügend tief ausgelotet ist, um nachhaltiges Interesse an ihrem Schicksal zu erwecken. Kein Satz, der über den Moment hinaus von Bedeutung ist. Wo hat Menke-Peitzmeyer bloß solche tönenden Sprachröhren aufgelesen?
Für die Regisseurin Olga Wildgruber als Gast und Ausstatterin Susanne Bachmann galt es, das Nichts zu drapieren. Das gelang vor allem mit der kräftigen, ihr Handwerk souverän beherrschenden Edith Jeschke und der schüchtern-jungenhaften Körperlichkeit Jörg Vogels. Aber für eine erfolgreiche kleine Komödie ist das zu wenig.