
Inszenierung Peter Lüder a.G. Ausstattung Susanne Bachmann Nathan Arnold Hofheinz Recha Susanne Rösch Daja Illi Oehlmann Sitah Julia Siebenschuh Saladin Benedikt Florian Schörnig Tempelherr Markus Manig Derwisch Jörg Vogel
Nachtkritik.de
von Theodor Einspruch
Ein Klassiker ist per Definition im besten Sinne ein Stück, was an Aktualität nicht verliert. Daß dem auch so ist, bewies eindrucksvoll am Samstag, dem 10. Oktober die glanzvolle Premiere von „Nathan der Weise“ des runderneuerten Ensembles am Nordharzer Städte-bundtheater in Quedlinburg. Eine Spielzeiteröffnung die eine spannende Saison verspricht. Lessing siedelt sein, um Humanität bemühtes Stück im 12. Jahrhundert, zur Zeit des letzten Kreuzzuges an. Regisseur Peter Lüder verlegt das Drama nun konsequenter Weise in die heutige Zeit, denn die Religionskonflikte haben sich in den vergangenen 800 Jahren leider nur marginal geändert. Krieg ist im nahen Osten zur Normalität verkommen, weshalb Nathan auch seltsam ungerührt, mit auffallend vielem Ballast im Gepäck, in seine zerstörte Heimat zurückkehrt. Momentaner Waffenstillstand. Doch keine Zeit für etwaige Musen, da Haus-hälterin Daja das Wunder von der Rettung seiner Tochter Recha aus den Flammen verkündet. Aber Wunder geschehen auch heute selten. Vielmehr tat der Tempelherr nur seine Pflicht, als Kreuzzügler gegen den Terror, den er selbst an der militanten Weste trägt. Arnold Hofheinz bringt seinen schwer geprüften Nathan vom ersten Moment an, als milden, nachdenklichen, doch getriebenen Juden auf die Bühne, dessen Religion ihn nicht leitet, sondern beinah Bürde scheint statt Normalität. Als Daja ist Illi Oehlmann ein sehr erdiger und bisweilen auch humoresker Kontrapunkt im Versuch, der Wahrheit endlich genüge zu tun. Backfischartig hingegen Susanne Rösch, die der ständigen Gefühlswallungen große Gestalt verleiht. Ungestüm und Löwenherzig mimt Markus Manig den verschonten Christen, quasi wie ein undenkbarer deutscher Blauhelm von Stauffen in Jerusalem. Ein großartiger Regieeinfall. Überhaupt, Peter Lüder hat dem Stück in seiner herzerfrischenden Strichfassung zu einer seltenen Kurzweil verholfen, die das „Dramatische Gedicht“, wie es im Untertitel heißt, auf das Wesentliche reduziert - der Kernfrage nach dem Sinn der eigenen Religion als oberster Instanz. Als Mittler zwischen den Glaubenswelten überzeugt Jörg Vogel, wenn er wahlweise als Derwisch oder Al-Hafi, botengängig und Nutz bezogen, der jeweiligen Partei ungeahnt das Gegenteil von Frieden in die Welt sendet.
Nathan wird sodann zu Saladin gerufen, der sich in notorischen Geldnöten befindet, dabei mehr philosophischen Gedanken anhängt, denn dem schnöden Mammon, dem er aber doch nicht widerstehen kann. Der sich zur Wehr setzende Sultan wird in seiner Tragik eindringlich von Benedikt Florian Schörnig verkörpert – melancholisch, doch sich seiner Macht sehr wohl bewußt. Ohne Kopftuch, emanzipiert und in aufreizender Ruhe verhaftet, bringt Julia Siebenschuh die jüngere Schwester mondän zur Geltung. Vor der Ringparabel, werden die zu knotenden Krawatten fast zu Schlingen, wirken wie Fesseln, die vom Gegenüber gesprengt werden müssen. Dann steht im Zentrum das berühmte Gleichnis, was sich auf ver-schlissenden Ledersesseln wie ein Spättalk im dritten Programm ausmacht. Ergreifend wie „stolz, bescheiden“ Hofheinz seine Metapher zu Wort bringt und Schörnig dem Publikum einen seltenen Einblick in das eigene Zuhören gewährt. Ja, und der Weiseste von allen ist Gott selbst, wenn man denn die Toleranz walten läßt. Humanisten wie Lessing denken so. Ein lang anhaltender Eindruck ist der Bühne von Susanne Bachmann geschuldet. Bilder, die einen nicht loslassen wollen projizieren sich eindringlich in das Gedächtnis, nebst Taten, welche wohl irrsinniger nicht sein könnten; freilich aus gutem Glauben heraus. Die Fassung Lüders nimmt der Lessing Vorlage etwas die Schärfe, die dem Christentum damals anheim gefallen ist, da der unfaßbar scharfrichtige Patriarch nicht zu Wort kommt, Statt dessen stellt er die jüdische Bevölkerung nicht als Opfer dar, sondern gleichsam auch als unwillige Mittäter, was wiederum Nathan etwas von seiner Klugheit nimmt, aber nicht von seiner Weisheit. Politisch wundervoll unkorrekt! Doch schon sind die Stiefel der Armeen zu sehen. Der Waffenstillstand ist abgelaufen. Die Granateinschläge kommen näher. Auch das Rote Kreuz schützt nicht mehr. Barrikaden. Das Fernsehen ist wieder live dabei. Von Gegenüber aus sicherer Deckung für sprachlose Zuseher. Welcher Religion man anhängt ist nicht von Belang – es trifft jeden. Und wer weiß denn was er ist; was er glaubt zu sein. Einerlei! Man ist sich in Nächstenliebe verbunden und es kracht an allen Ecken. Mittendrin zwei junge Leute, Metamorphosen durchlebend, die sich schon farblich immer ähnelten, doch jetzt einen Kuß als großen Frevel im Wissen der trennenden Leidenschaft empfinden müssen. Es gibt wahrlich keinen Grund glücklich zu sein. In all den Jahrhunderten hat man einfach nichts gelernt. Außer an diesem Abend vielleicht: Ob Jud, ob Christ, ob Muselmann – egal, es kommt auf den Mensch im Menschen an.
Volksstimme Halberstadt, 12.10.2009
Von Claudia Klupsch" Nathan der Weise " mit dem von Lessing propagierten Appell an Vernunft und Toleranz kann gar nicht genug aufgeführt werden. Nun hat auch das Nordharzer Städtebundtheater das Stück unter der Regie von Peter Lüder auf die Bühne gebracht. Das Publikum feierte am Sonnabend eine packende Inszenierung mit einem ausgezeichnet aufspielenden Ensemble.
Quedlinburg. Die Welt ist nicht in Ordnung. Die Bühne zeigt ein Durcheinander, Matratzen liegen herum, abgedeckte Möbel, ein umgekippter Flügel. In dieses chaotische Zuhause kehrt Nathan von einer Geschäftsreise zurück – mit Koffern und Reisetasche, gekleidet in einen braunen Anzug. Ein Nathan im Heute. Kriege um des Glaubens willen sind Teil aktuellen Weltgeschehens, Lessings Nathan aus dem Jahr 1779 bleibt brennend aktuell. Der Geschichte um den weisen Juden, einer unglücklichen Liebe im Krieg und eines insolventen Sultans zieht vom ersten Augenblick in den Bann. Das Stück konzentriert sich auf das Wesentliche, das Geschehen ist in eineinhalb Stunden erzählt. Angenehm ist nicht nur die Kürze. Das Publikum wird nicht vordringlich mit den großen moralischen Botschaften des " dramatischen Gedichts " belehrt. Im Mittelpunkt des Stückes stehen die Charaktere, Menschen, die sich aufgrund ihres Glaubens hassen müssen. Nathans Wirken weicht ihren Hass auf. Zu erleben ist aber kein übermenschlicher Nathan, kein weißbärtiger weiser Alter. Arnold Hofheinz zeigt einen zurückhaltenden, beobachtenden, abwägenden, zuweilen ängstlich erscheinenden Mann. Es ist ein sehr menschlicher Nathan, der in Konfrontation mit dem Sultan gerät. Die Ringparabel-Szene mutet wie eine Verhandlung zwischen zwei Geschäftsleuten an. Beide sitzen sich in opulenten Ledersesseln gegenüber. Nathan wägt auf die Frage nach der wahren Religion jedes Wort ab, seine Hände arbeiten mit. Sehr gut gelingt es Hofheinz, die für Nathan psychologisch angespannte Situation zu verdeutlichen. Lebendig gezeichnet sind die weiteren Figuren. Markus Manig überzeugt in der Rolle des Tempelherrn, ein Hitzkopf in Kampfanzug, der fanatisch seine Feinde hasst und dem Liebe das Herz erweicht. Mit Illi Oehlmann ( Daja ), Susanne Rösch ( Recha ) und Julia Siebenschuh ( Sittah ) sind die weiblichen Rollen hervorragend besetzt. Auch Jörg Vogel als Derwisch und Benedikt Florian Schörnig als Saladin überzeugen. Letzterer mimt glaubhaft den machtbewussten, mit der Pistole fuchtelnden Herrscher und den klugen Menschen, in dem es zu arbeiten beginnt und der Nathan letztlich die Hand reicht.
Wenn Saladin Kriegsbilder im Fernseher verfolgt, legt sich Beklemmung auf das Publikum. Eindringliche Videosequenzen von Toten und Verletzten, von Zerstörung und Wahn, untermalt mit emotionaler Musik, erzeugen Gänsehaut. Der Hinweis auf den wahrhaftigen Krieg und den schwelenden Konflikt in Nahost ist jedoch nicht reißerisch aufgemacht. Die Inszenierung konzentriert sich auf die Figuren und auf den Text mit Lessings kunstvoller Sprache.
Doch der Krieg bleibt im Stück gegenwärtig. Immer wieder unterbrechen Detonationen und Kampfgetöse hinter der Bühne das Geschehen. Im dramaturgischen Finale dringt der Krieg auf die Bühne – genau in dem Moment, als die verwandtschaftlichen Beziehungen der Figuren offen werden. Sie fallen sich nicht in die Arme, wie von Lessing vorgesehen. Zu sehen sind isolierte einzelne Gestalten, die verwirrt vor tödlichen Geschossen Deckung suchen. Keine Umarmungen sich versöhnender Menschen in Aussicht.