Die überregional bedeutende „Orchesterwerkstatt junger Komponisten“, die in diesem Jahr ihr
22. JUBILÄUM feierte, ist eine einzigartige Institution in Deutschland. Ihre Einmaligkeit besteht in der exklusiven Möglichkeit für junge Komponisten, ihre Werke mit einem großen Orchester zu erarbeiten und in einem Abschlusskonzert der Öffentlichkeit zu präsentieren. Jährlich ist Halberstadt für vier Tage der Austragungsort.
Die „Orchesterwerkstatt“ fördert die Ideenentwicklung junger musikalisch talentierter Menschen und bietet ihnen den praktischen Austausch mit Musikern und Professoren. Ausgerichtet wird das Ereignis als Kooperationsveranstaltung des Landesmusikrates Sachsen-Anhalt, dem Nordharzer Städtebundtheater und der Stadt Halberstadt. Die Kontinuität und professionelle Betreuung und Beachtung durch die Fachwelt im Laufe von nunmehr über zwanzig Jahren hat diesem Treffen einen festen Platz in der Jugend- und Musikförderung eingeräumt. Das schlägt sich neben der absichernden wiederholten Finanzierung durch das Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt, eine Förderung durch die Deutsche Orchesterstiftung und in einer zahlenmäßigen Steigerung der Teilnehmer in den letzten Jahren nieder, die aus dem gesamten deutschsprachigen Raum über die Landesgrenzen hinaus nach Halberstadt kommen.
Zu den Besonderheiten gehören weiterhin die offene Form des Wettbewerbs, der an keine Vorgaben gebunden ist, sowie die Preisverleihung zum Abschlusskonzert. Das Engagement von Persönlichkeiten aus der Musikwelt, zu denen namhafte Tutoren und der Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters, Musikdirektor Johannes Rieger, gehören, sorgen für Inspiration und fundiertes Arbeiten.
MDR-Beitrag
Pressestimme (Vorbericht): Der Bote vom 15.4.2011
von GISA SPANDLER
FEUCHT – Junge Leute lieben Musik, und wenn ein frisch gebackener Abiturient „Musikmachen“ und „Komponieren“ als Berufswunsch angibt, so denkt man als erstes an unrealistische Rockband-Ambitionen oder unausgegorene DJ-Träume. Man kann dabei aber auch die klassische Kirchenorgel-Ausbildung im Hinterkopf haben und sich sehr ernsthaft auf ein Kompositionsstudium an einer Universität vorbereiten. Dies ist der Weg von Jan Kohl (20), der gerade sein Abitur gebaut hat, und zwar gar nicht mal schlecht, und nun nicht an monatelanges Faulenzen denkt, sondern sich auf verschiedene Prüfungen konzentriert, die alle mit seiner Leidenschaft, dem Komponieren, zu tun haben. Über einen ordentlichen Erfolg, den er so neben der Abi-Vorbereitung eingeheimst hat, kann er sich schon heute freuen: Bei einem bundesweiten Nachwuchskomponistenwettbewerb ist seine Partitur zusammen mit fünf anderen in die ganz enge Wahl gekommen. Er war der einzige Teilnehmer aus Bayern und hat jetzt schon eine professionelle Aufführung seiner Komposition gewonnen. Bei einem Workshop Anfang Mai könnte er noch eins draufsetzen.
Der Beginn seiner musikalischen Laufbahn hört sich an wie der vieler Gleichaltriger: Musikalische Früherziehung, Xylophonunterricht, später Keyboard. Dann allerdings Umstieg auf Klavier und gleichzeitig Kirchenorgel. Der musikbegeisterte Jugendliche erhält mit 14, 15 Jahren Unterricht von zwei namhaften Musiklehrern: Der nicht nur in Feucht bekannte Organist und Komponist Christoph Zacher ist sein Klavierlehrer, der Regionalkantor von Eichstätt, Willibald Baumeister, der Lehrer für Orgel. Offensichtlich hat der qualifizierte Unterricht ihm gutgetan und ihn beflügelt, denn mit Betreuer Baumeister hat er neben der Schule eine kirchenmusikalische Ausbildung gemacht, die ihn auch zur Leitung eines Chores befähigt. Mehrere Prüfungen in Theorie und Praxis musste er dazu in Eichstätt ablegen und hat damit eigentlich schon einen Beruf. Doch den jungen Mann mit der künstlerischen Begabung zieht es an eine Universität, Wunschfach „Komposition“, denn er strebt eine professionelle Karriere mit Hand und Fuß an. Beworben hat er sich bei mehreren Hochschulen, Einladungen für die Aufnahmeprüfungen, auf die er sich jetzt nach dem Abitur am Neuen Gymnasium in Nürnberg verstärkt vorbereitet, stehen noch aus.
Aus seinen diversen musikalischen Neigungen hat sich das Komponieren als die Richtung herauskristallisiert, die ihn am meisten interessiert. Schon immer hat er sich Melodien am Klavier ausgedacht, und etwa mit 15 angefangen, die am Computer mit einem speziellen Programm aufzuschreiben. „Das geht schneller als von Hand“, erzählt Jan, der sich als „schreibfaul“ bezeichnet. Garantiert nicht faul ist er, was seine Kompositionsarbeit angeht. Filmmusik ist der Stil, der ihm am meisten liegt, auch wenn er ebenso in der Klassik zu Hause ist und ein bisschen mit Elektronik experimentiert. Das ist bei ihm nicht Programm, sondern es hat sich einfach im Laufe der Jahre herausgestellt, dass ihm Soundtracks besonders hartnäckig im Gedächtnis bleiben, auch wenn er den dazu gehörigen Film gar nicht gesehen hat. Dass seine Spielereien an Klavier und Computer aber mittlerweile mehr sind als bloße Fingerübungen – im doppelten Sinn des Wortes – das hat der 20-Jährige nun Schwarz auf Weiß. Mit seiner Komposition „Flug durch die Lüfte“ bewarb er sich beim Nachwuchswettbewerb junger Komponisten „Ich komponiere“ und ist dort auf Anhieb für einen Preis nominiert worden. Veranstaltet wird dieser Contest vom Landesmusikrat Sachsen–Anhalt, die Preise werden von der Deutschen Orchesterstiftung gestellt und das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters führt die ausgewählten Kompositionen aus.
Erwartet wurde eine Partitur für sinfonische Besetzung, vorgegeben war die Maximalbesetzung des Orchesters, das für die Ausführung zur Verfügung steht. Da Jan gerade im Abiturstress war, überarbeitete er eines seiner vorhandenen Stücke – denn Kompositionen für Sinfonie-Orchester hat er schon einige zu Papier gebracht –, passte es der Besetzung des Orchesters an und reichte es ein. Aus allen Bewerbungen wählte die Jury sechs Arbeiten aus, die das Städtebundtheater einstudieren und aufführen wird. Jan ist dabei und wird vom 3. bis 6. Mai zur Orchesterwerkstatt nach Halberstadt fahren, bei den Proben dabei sein, mit arrivierten Musikdozenten diskutieren und – darauf freut er sich besonders – sich auch mit Gleichaltrigen austauschen, die die gleiche Leidenschaft fürs Komponieren haben wie er. „Natürlich bin ich schon sehr gespannt, wie sich das Stück anhört, wenn es von einem leibhaftigen Orchester gespielt wird“, gesteht der junge Komponist, denn bisher hat er es ja nur am Computer gehört.
Und wie entstehen bei ihm ganze Orchesterpartituren? Entweder man legt vorher die Besetzung am Computer fest und sucht nach einem Thema oder es stellt sich unvermittelt eine Hauptmelodie ein, die am Klavier ausprobiert wird und zu der dann am Computer die einzelnen Instrumente entwickelt werden.
Dass das dennoch mit viel Arbeit verbunden ist, gibt Jan Kohl zu: „Man muss viel Musik hören, viel ausprobieren“, weiß er, und man muss auch rein technische Dinge recherchieren, z.B. ob ein Instrument überhaupt in der entsprechenden Tonhöhe spielen kann, die er sich vorstellt.
Bei der Komponisten-Werkstatt in Halberstadt bieten sich ihm übrigens noch weitere Chancen: Die für den Wettbewerb eingereichten Werke werden automatisch für den mit 500 Euro dotierten Andreas-Werckmeister-Preis der Stadt Halberstadt nominiert. Der Preis der Deutschen Orchesterstiftung ist verbunden mit einem Kompositionsauftrag und der Preis des Landesmusikrats Sachsen-Anhalt mit einer nochmaligen Aufführung des Stücks bei einem weiteren Festival. Da ist also noch einiges zu holen für Jan.