
Choreographie Jaroslaw Jurasz Ausstattung Kordula Kirchmair-Stövesand a.G. Othello Julian Avril a.G. / Marcelo Dono Jago Daniel James Butler Desdemona Katia Alves de Alencar Cassio Stephan Müller Montano Jaume Bonnin
Volksstimme Magdeburg, 22.9.2008
Von Herbert Henning...Othellos Schicksal heißt Jago und Jaroslaw Jurasz konzentriert sich in seiner Ballettadaption des Shakespeare-Klassiker ganz auf den Konflikt zwischen Jago und Othello. Einzig in seiner Liebe zu Desdemona ist Othello angreifbar und Jago „vergiftet“ diese Liebe durch Eifersucht, durch eine Intrige. Das Opfer ist die Liebe, die über den Tod von Othello und Desdemona hinaus bleibt. Jaroslaw Jurasz hat in seinem Kammertanzabend die Handlung auf jene Schlüsselszenen des Werkes verdichtet, in denen die Charaktere ihre Handlungen begründen. Die Konzentration auf Jago, Othello und Desdemona sowie Cassio und Montano, die um die Gunst Othellos buhlen, schafft um das Drama der Leidenschaften eine atmosphärische Dichte, die auf einer Fläche von weniger als 20 Quadratmetern zur tänzerischen Herausforderung wird und gleichsam Möglichkeiten für ganz intime Tanzbilder mit großer Emotionalität eröffnet.
Für die Tänzer ist dies eine ganz besondere Herausforderung an ihre tänzerischen Fähigkeiten, an Disziplin und vor allem an Körperbeherrschung und Exaktheit der Bewegungen.
Wie schon bei den Kammertanzabenden „Carmen“ und „Frida“ meistern die jungen Tänzer der nur achtköpfi gen Company dies mit beachtlichem Erfolg. Jaroslaw Jurasz hat sein „Othello“-Ballett nach Musik von Mike Oldfi eld und Ludwig van Beethoven choreografi ert.
Symphonic Rock mit sphärischen Orchesterklängen und die kraftvolle Musik aus der 9. Symphonie Ludwig van Beethovens treffen in einer dramaturgisch wohldurchdachten Collage aufeinander. Vor allem in den Solotänzen von Jago und Othello und im innigen Pas de deux von Othello und Desdemona erweist sich die Musik Beethovens als besonders geeignet, um tänzerisch Seelenzustände durch Bewegungsrituale, die Elemente des klassischen Tanzes zitieren, zu zeigen. Jaroslaw Jurasz inszeniert das Drama in einem archaischen Bühnenraum. Die Mauer mit dem Othello-Schriftzug teilt sich nimmer wieder. Die hohen Segmente formen sich zu immer neuen Räumen. Das Bildfragment eines Farbigen wird für Jago zur Projektionsfl äche seiner Aggressionen, seiner Vernichtungsstrategie.
Sehr individuelle Figurenzeichnung
Für Desdemona ist es Sinnbild der reinen, unbefleckten Liebe. (Ausstattung: Kordula Kirchmair-Stövesand). Dass Othello ein Schwarzer und damit ein Außenseiter ist, deutet Jurasz nur in seiner schwarzen Kleidung an. Dagegen teuflisches Rot für Jago und unschuldiges Weiß für Desdemona. Timo-Felix Barthel tanzt den Othello mit großer Emotionalität. Kraftvoll und mit athletischer Eleganz, in hohen und weiten Sprüngen und standsicher gedrehten Pirouetten gibt er dem Feldherrn etwas Würdevolles und Verletzliches zugleich.
Der Pas de deux mit der technisch hervorragend tanzenden, emotional-ausdrucksstarken Katia Alves de Alkencar als Desdemona mit riskanten Hebungen, Verschraubungen und Verquerungen der Körper, auch das ungezähmt Erotische in der Beziehung der beiden Liebenden andeutend, ist Höhepunkt des Abends.
Nichts mehr von dieser Leidenschaft und grenzenlosen Liebe am Schluss, wenn sich Othello aus einem Kuss löst und die verzweifelte Desdemona erwürgt. Othello wurde Opfer seiner eigenen Dämonen, der Einflüsterungen Jagos mit dem „Gift“ der Eifersucht.
Dramatischer Höhepunkt ist, wenn Jago „Bilder“ beschwört, in denen Desdemona Othello mit Cassio scheinbar betrügt. Stephan Müller als Cassio zeigt hier ausdrucksstark Präsenz, wie auch Jaume Bonnin als Montano in den Kampfszenen mit Cassio. Vor allem im tänzerischen Reigen mit dem zum Verhängnis werdenden Spitzentuch zeigt sich die Company bestens vorbereitet. Die Stärke der Choreografie von Jaroslaw Jurasz ist die individuelle Figurenzeichnung mit einem jeweils eigenen, für die Figur differenzierten Bewegungsvokabular. Das macht diesen Ballettabend zu einem ganz besonderen tänzerischen Erlebnis.