

Inszenierung Ausstattung Anna Strauß a.G. Musik Martin Orth a.G. Peter Anneliese Sumsemann Robin Weinem a.G. Sandmann/Donnermann/Mann im Mond Markus Manig Blitzhexe/Regenfritz/August Auge Susanne Rösch Hagelhans/Nachtfee/Oskar Ohr Julia Siebenschuh
Vergnügliche Inszenierung von "Peterchens Mondfahrt"
Mitteldeutsche Zeitung, 7.12.2010
VON SIGRID DILLGEHALBERSTADT/MZ - Wer kennt ihn nicht, den Klassiker der deutschen Kinder- und Jugendliteratur, in dem der Maikäfer Herr Sumsemann zusammen mit den Menschenkindern Peter und Anneliese zum Mond fliegt, um von dort sein verloren gegangenes sechstes Beinchen zu holen. Fast wie nebenbei lernen die jungen Leser jede Menge über die Naturgewalten, über Zusammenhänge im großen Universum und die Kraft der Gemeinsamkeit. Die Geschichte von Gerdt von Bassewitz, die am 7. Dezember 1912 im Alten Theater Leipzig uraufgeführt wurde, wird jetzt in einer Inszenierung des Nordharzer Städtebundtheaters erzählt. Und hier gerät sie unter der Regie von Sebastian Wirnitzer zum vergnüglichen Theatererlebnis.
Großen Anteil daran haben, neben den Akteuren, das hervorragende Bühnenbild und die Ausstattung (Anna Strauß). Die Bühne wird bestimmt von einem nächtlichen Himmel mit Vollmond, in dem sich - ganz nach Adventskalenderart - Türchen um Türchen öffnet. Statt der Süßigkeiten kommen jedoch immer mehr Figuren der Geschichte daraus zum Vorschein. Zum Beispiel der Sandmann, der schlafen muss, um den Traumsand zu produzieren. Auch der sachte rinnende Sand ist durch ein Türchen zu sehen. Was einen der jungen Zuschauer zu der Frage inspirierte: "Wann geht das wieder zu?" Wahrscheinlich war die Gefahr, im Theater schlafen zu müssen, für ihn zu groß. Zum Schläfrigsein gibt es während der gesamten 60-minütigen Aufführung nicht ein einziges Mal Anlass. Flott geht die Handlung über die Bühne, was vor allem an den wunderbar geführten Schauspielern, allen voran die Kinderdarsteller, liegt. Peter (Augustin Kalbhenn/Wenzel Gernhoefer) und Anneliese (Alexandra Wegner/Edith Bürger) wissen die Gleichaltrigen im Zuschauerraum mitzureißen, weil sie genau so kess und lieb, so ängstlich und furchtlos sind wie sie.
Die Sympathie auf seiner Seite hat auch Herr Sumsemann. Robin Weinem versteht es ausgezeichnet, einen Käfer zu mimen, der so manche Marotte hat und sich bei jeder ungewohnten Situation auf den Rücken wirft und tot stellt. Pure Lebensfreude kommt auf, wenn der Käfer und die Kinder singen und tanzen (Musik: Martin Orth) und das Publikum zum Mitmachen auffordern. Gleich jeweils drei Parts übernehmen Markus Manig als Sandmann, Donnermann und Mann im Mond; Susanne Rösch als Blitzhexe, Regenfritz und August Auge sowie Julia Siebenschuh als Hagelhans, Nachtfee und Oskar Ohr. Jeder dieser Rolle geben sie ein unverwechselbares Gesicht und ein unverwechselbaren Auftritt. Blitz und Donner lassen es immer heftig krachen, egal, ob sie miteinander streiten oder schmusen. Hagelhans und Regenfritz lassen zunächst per Blasrohr und Wasserpistole aus erhöhten Türchen feuchte Gemeinheiten hernieder prasseln, um dann im breitesten Norddeutsch zu erzählen. Die Nachtfee schreitet aus ihrem Fensterlein eine - wenn auch schmale -Showtreppe hinab und der Mann im Mond hat Schuhe und Socken zum Fressen gern.
Eine rundum gelungene, moderne Inszenierung, in der natürlich auch mal auf der Bühne gerülpst, gepupst und "schlechte Wörter" gesagt werden dürfen. So etwas gibt es in der realen Welt der jungen Zuschauer, die sich über diese "Ausrutscher" köstlich amüsieren, auch. Die Möglichkeit für Kinder und Erwachsene, Peterchens Mondfahrt im Theater zu erleben, kann es für Kurzentschlossene frühestens wieder am 9. Dezember geben. Dann gibt es für die Vorstellung in Halberstadt noch Karten. Die vier Termine davor in Quedlinburg sind bereits restlos ausverkauft.
Kartenanfragen unter Telefon 03946/96 22 22
"Scheiß die Wand an'" Diesen deftigen Mutmach-Spruch bringt Maikäfer Sumse- mann in der Fassung des Märchens „Peterchens Mondfahrt" des Nordharzer Städtebundtheaters gleich mehrfach zu Gehör. Die meisten Eltern sind entsetzt, die Kleinen reagieren wohlerzogen. Also verhalten.
Volksstimme Magdeburg, 22.11.2010
Von Hans Walter
Quedlinburg. Am Ende der Premiere am Sonnabend im rappelvoll-quietschvergnügten Großen Haus in Quedlinburg dennoch langer Applaus von sechs Minuten Dauer. Als diesjähriges Weihnachtsmärchen wird eine einstündige Textfassung von Brian Michaels und Ulrike Schanko nach dem Buch von Gerdt von Bassewitz gespielt. Die designierte Chefin des Theaters Itzehoe und der Regisseur und Folkwang-Professor Michaels erzählen die altertümliche Geschichte von Anneliese und Peterchen und dem Beinamputierten Maikäfer mit einiger Drastik und reduziert auf wesentliche Handlungsstränge. Die Nordharzer gastieren denn auch mit drei Vorstellungen im Dezember in Itzehoe.
Für das Bühnenbild schuf Ausstatterin Anna Strauß als Gast einen himmlischen Adventskalender. Der Wolkenhimmel öffnet sich immer wieder auf der Reise der drei Helden zum Mond und gibt die Gehäuse des Sand- und des Donnermanns, des Manns im Mond (alle drei gespielt von Markus Manig), von Blitzhexe, Regenfritz und August Auge (Susanne Rösch) sowie Hagelhans, Oskar Ohr und der Nachtfee (Julia Siebenschuh) preis.
Aus dem Geschehen wird ein auf wichtige Naturgewalten reduziertes Nacheinander; die episch verzweigte Anlage der Figuren im Buch muss dabei aufgegeben werden. Nichts da etwa mit dem gestrengen Sandmann, der die Sterne beim Putzen auf der Sternenwiese am Mond beaufsichtigt. Oder mit Sumsemann mit seiner Silbergeige. Oder mit dem Ritt auf dem Großen Bären. Oder der poetischen Fahrt mit dem von Nachtfaltern gezogenen Mondschlitten zum Schloss der Nachtfee.
Im strassbesetzten Kleid glitzert sie vor der farbigen Mondkulisse auf ihrer Showtreppe in einem Regen von Seifenblasen. Eine kluge, gütige Fee. Ein gefährliches Abenteuer liegt vor dem unternehmungslustigen Trio, das sich durch ein Liedchen Mut macht. "Kopf hoch, allein schafft man's nicht". An der Stelle gibt's es zum zweiten Mal Szenenapplaus. Regisseur Sebastian Wirnitzer als Gast mühte sich rechtschaffen am drögen Text mit seiner Trivialsprache. Lacher erzielt er, wenn der arme Sumsemann (Robin Weinem als Gast) auf den Rücken fällt - "der erste Käfer, der sich in die Hosen macht, wenn's donnert. " Pfefferkuchenduft bei Bassewitz weicht in dieser Textversion der Kloake. Immerhin gibt es für Erwachsene witzige Verweise auf das Buch Ruth des Alten Testaments und auf Shakespeares "Hamlet": "Bein oder Nicht-Bein - das ist hier die Frage!"
Moderne Poesie kommt aus den Kostümen. Anna Strauß gibt der Blitzhexe ein von Leuchtdioden funkelndes Kostüm, sie zieht den Donnermann mit Helm und Paukenschlägeln an. Ihr sprachlich norddeutsch angelegter Regenfritz kommt mit einer großen Wasserpistole daher, und der bärtige Hagelhans trägt Südwester und Wathose wie ein Fischer; die tollen Erfinder der Mondkanone August Auge und Oskar Ohr sind ein gewitztes Slapstick-Paar.
Der Quedlinburger Komponist Martin Orth als Gast schuf eingängige Lieder für Gitarre und Geige. Sie erhöhen den Reiz der Inszenierung werden live gesungen - eine schöne Leistung von Robin Weinem und der außergewöhnlich guten Kinderdarsteller. Wenzel Gernboefer und Edith Bürger alternieren mit Augustin Kalbhenn und Alexandra Wegner als Peterchen und Anneliese. Sie zeigen Spiellust; Wachheit, Sprachkultur und Disziplin - es ist eine wahre Freude! Hier zeigt die Regie Hervorragendes. Die Bravorufe am Schluss waren verdient!