
In diesem Doppelabend ist zunächst eine szenische Interpretation des expressionistischen Gedichtzyklus’ „Pierrot Lunaire“ von Arnold Schönberg zu erleben. Die groteske Collage für eine Sängerin und ein Kammerensemble entstand 1912 als Auftragswerk der Diseuse Alber- tine Zehme. – Der Musiktheaterabend rundet sich ab durch die Urauf- führung einer Kammeroper des jungen Komponisten Julian Lembke, der als Preisträger der 20. Orchesterwerkstatt für junge Komponisten Halberstadt vom Nordharzer Städtebundtheater den Auftrag für die Uraufführung in der gleichen Besetzung wie bei Arnold Schönberg erhielt. Das Libretto für „Rose: Rot. Nachtigall: Tot.“ des kürzlich verstorbenen jungen Librettisten Andreas Bisowski basiert auf dem fabelhaften Märchen „Die Nachtigall und die Rose“ von Oscar Wilde.
Termine
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| Sa, |
19.11.11, |
19.30 |
Uhr |
Kammerbühne Halberstadt
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PremiereRestkarten |
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| Mi, |
23.11.11, |
19.30 |
Uhr |
Kammerbühne Halberstadt
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| Do, |
08.12.11, |
19.30 |
Uhr |
Neue Bühne Quedlinburg
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| Do, |
02.02.12, |
19.30 |
Uhr |
Kammerbühne Halberstadt
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| Do, |
09.02.12, |
19.30 |
Uhr |
Neue Bühne Quedlinburg
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Besetzung
| Musikalische Leitung | Symeon Ioannidis |
| Inszenierung | Andrea Moczko |
| Ausstattung | Susanne Bachmann |
| Pierrot - Alter Ego | Regina Pätzer |
| Pierrot | Tobias Amadeus Schöner |
| Columbine-Vision | Nina Schubert |
| Eidechse, gelber Rosenstrauch, Mädchen | Regina Pätzer |
| Student, weißer Rosenstrauch, roter Rosenstrauch | Tobias Amadeus Schöner |
| Nachtigall | Nina Schubert |
| | Mitglieder des Orchesters des Nordharzer Städtebundtheaters |
Pressestimmen
Die gut hundert Plätze der Kammerbühne Halberstadt sind ausverkauft. Einen Platz nimmt der junge Komponist Julian Lembke ein. Am Ende des Abends wird ihn das Publikum feiern, hat er doch in vielfältiger Weise die Traditionslinien von Schönberg über John Cage bis zum eigenen kompositorischen Schaffen gezogen. Klangwelten des 20. und 21. Jahrhunderts treffen an diesem Abend im Rahmen des "impuls"-Festivals aufeinander.
Schönberg suchte sich von der Tonalität zu befreien, von der Bindung an einen Grundton, suchte nach neuer Strukturierung der Musik. Sein epochaler Liederzyklus "Dreimal sieben Melodramen des Pierrot Lunaire" entstand 1912 nach Texten von Erich Otto Hartleben nach Albert Giraud, einem der genialen Werke der Moderne. Im 99. Jahr seiner Entstehung nun wurde er endlich auch in Halberstadt aufgeführt.
Regisseurin Andrea Moczko hatte sich für eine szenische Interpretation entschieden, wohl auch, um den inhaltlichen Zusammenhang mit der Kammeroper im zweiten Teil herzustellen: "Unser Pierrot ist ein bildender Künstler ... Doch aus seinem eigenen Werk erscheint ein verzerrtes Abbild seiner selbst ..." Dafür wurde ein pantomimischer Pierrot (Tobias Amadeus Schöner) und eine Columbine-Version (Nina Schubert) gebraucht, allerdings hätte es dieser theatralen Fingerzeige als Zutat nicht bedurft.
Zu klar ist die Charakterisierung Pierrots in den 21 Liedern, die Polyphonie unabhängiger Instrumente, der lapidare Ton, die Erkundung der Klangfarben in den musikalischen Entäußerungen des Pierrot Lunaire, der Triumph der Dissonanzen. Regina Pätzer ist eine ganz großartige Interpretin dieser Seelenregungen! Sie macht Ängste und Zweifel, Hoffnung und Aufbruch mit ihrer expressiven Stimme deutlich. Ihre Stimmungen sind körperlich spürbar. Sie singt und klagt, sie schreit und verstummt, sie seufzt und parodiert. Eine künstlerische Offenbarung!
Sechs Musiker gestalten die Klangfarben des Werks, sind als Orchesterchen zweigeteilt: Links Violine, Bratsche und Cello, rechts Klavier, Piccoloflöte und Flöte, Klarinette und Bassklarinette, mit klaren Dirigierbewegungen (und einem Monitor) zusammengehalten durch den musikalischen Leiter Symeon Ioannidis. Jede der Miniaturen hat eigene Klangfärbung, immer neue Variationen des Zusammenspiels und aphoristische Kürze, sehr schwer zu spielen.
Dieses Instrumentarium wurde dem herausragenden Komponisten Julian Lembke (Jahrgang 1985) vorgegeben. Er arbeitet derzeit in Paris und bekam anlässlich des 100. Geburtstages des Schönberg-Schülers John Cage 2012 nach etlichen Kompositionspreisen auch in Halberstadt den Auftrag, die Kammeroper "Rose: Rot ..." nach Oscar Wildes Kunstmärchen zu schreiben.
Die minimalistische Musik, das poetisch-lapidare Libretto von Andreas Bisowski, die Inszenierung von Andrea Moczko und Ausstatterin Susanne Bachmann und vor allem Spiel und Gesang der Nachtigall Nina Schubert, von Regina Pätzer und Tobias Amadeus Schöner bewirkten Beifallsstürme, Fußgetrappel und Bravorufe. Sieben Minuten anhaltender Applaus für ein Musikerlebnis voller Programmatik im Städtebundtheater! Unverzichtbar!
Hans Walter / Volksstimme
Es gibt Inszenierungen für die Galerie und andere für volle Kassen. Der Doppelabend "Pierrot lunaire / Rose: Rot. Nachtigall: Tot" am Nordharzer Städtebundtheater gehört zu ersteren, auch wenn die Premiere ausverkauft war und die überregionale Kritik sich das Ereignis in der Theater-Provinz nicht entgehen ließ. Den drei Sängern des Abends, Nina Schubert, Regina Pätzer und Tobias Amadeus Schöner, ist hohe Anerkennung zu zollen. Hatten sie sich doch in wochenlangen Proben den beiden Werken von Arnold Schönberg und Julian Lembke angenähert. Sie zeigten sich in beiden Stücken wohl präpariert und überzeugten sowohl in den sängerisch sehr anspruchsvollen Passagen als auch in ihrer darstellerischen Anmutung.
Der 26-jährige Julian Lembke gewann anlässlich der jährlich in Halberstadt stattfindenden Werkstatt junger Komponisten und des damit verbundenen Wettbewerbs "Ich komponiere!" vor zwei Jahren den Kompositionsauftrag für eine Kammeroper. Die erklang nun beim "Impuls"-Festival für Neue Musik als Uraufführung in Halberstadt. Der Berliner Andreas Bisowski schrieb dazu das an Oscar Wildes Kunstmärchen "Die Nachtigall und die Rose" angelehnte Libretto. Der 37-jährige Künstler Bisowski, Schauspieler, Texter und Regisseur, starb, gezeichnet von ausschweifender Sucht, am 28. Februar dieses Jahres und konnte diesen Erfolg nicht mehr miterleben.
Sein Text, ganz ans Heute angepasst, wirkt poetisch, fast schlicht und lakonisch. Selbst das Wort "Klimawandel" bekommt in der Kombination mit Lembkes Noten einen besonderen Klang. Sätze wie "In der Liebe und in der Oper gibt es keine Übertreibung" oder das mehrfach wiederholte "Schönheit ist ein flüchtig Ding" gewinnen dabei fast philosophische Tiefe.
Der Grundton der Kammeroper schwingt stets zwischen einer gewissen Tragik und einer besonderen Spur Komik, zu der auch Ausstatterin Susanne Bachmann mit guten, dem Minimalismus entsprechenden Ideen ihr Scherflein beiträgt. [...]
Weit deutlicher wird diese Linie in der Instrumentierung. Musste doch der Jüngere mit der gleichen Besetzung wie bei der vor 99 Jahren uraufgeführten "Pierrot lunaire" arbeiten. Die sechs Musiker leisten unter der Leitung von Kapellmeister Symeon Ioannidis technische Schwerstarbeit. Die atonale Musik gilt als große Herausforderung. Der Aufwand übersteigt den für eine Sinfonie bei weitem. Wobei Julian Lembkes reduzierte Notation, die sich stark an die Libretto-Struktur schmiegt, letztlich gefälliger daher kommt.
Während Nina Schubert als eine sich in ihrer Hingabe aufopfernde Nachtigall brilliert, die an einem Dorn ausblutet, wirkt hier die Protagonistin des Abends, Regina Pätzer, eher komödiantisch. Ein Glanzstück, wie die durch saubere Artikulation bekannte Mezzosopranistin hier eine schlichte Lispel-Tusse spielt, die den Studenten (Tobias Amadeus Schöner) verschmäht. Regisseurin Andrea Moczko scheint das Schönberg-Werk "Pierrot lunaire" auf Pätzer zugeschnitten zu haben.
Der expressionistische Gedichtzyklus des Belgiers Albert Giraud erlebt keine konzertante, sondern eine szenische Interpretation. So rollt auf der vorwiegend in Schwarz und Weiß gehaltenen Bühne ein Künstler-Drama ab, das nicht nur die Zerrissenheit des Pierrots verdeutlicht, der mit Regina Pätzer sein Alter Ego hat. Gerade sie scheint sich tief mit Schönberg auseinander gesetzt zu haben, der musikalisch wie technisch hohe Hürden aufbaut. So darf man hoffen, dass sich ihre Interpretation nicht nur als Bereicherung ihrer sängerischen Biografie entpuppt, sondern das von Igor Strawinsky als den "Solarplexus" der modernen Musik bezeichnete Werk auch an andere Häuser eingeladen wird. Dass die Mezzosopranistin auswendig singt, ringt höchste Bewunderung ab, wenn man als Zuschauer im Programm die arg sperrige Dekadenz-Poesie mitliest.
Hervorstechend wohl der Dandy, die Passacaglia der "Finsteren schwarzen Riesenfalter" und der Spiegelkanon des "Mondflecks", den Pierrot erfolglos vom Rücken streichen will. Regina Pätzer durchschreitet mit dem ganz speziellen Sprechgesang das Spektrum der amplitudenhaften Schwankungen einer Seele, die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen durchwallt selbst den Zuhörer. War da noch eben Hoffnung, peitschen sie gleich darauf Zweifel. Beeindruckend wie sie das fernab des gewohnten Belcanto meistert und wohl selbst musikalische Grenzerfahrungen macht. Wozu eine solche Stimme ein Mikroport benötigt, fragt man sich dann aber doch. Fraglos dagegen: Der Abend ist etwas für die Galerie der Leistungsfähigkeit des Nordharzer Städtebundtheaters.
Uwe Kraus / MZ
[...] Der junge Komponist Julian Lembke hat als Auftragswerk des Nordharzer Städtebundtheaters „Rose: Rot. Nachtigall: Tot.“ geschaffen, das in der Kammerbühne des Halberstädter Theaters uraufgeführt wurde. Musik und Inszenierung bewegen sich dabei erfolgreich auf dem schmalen Grat der Groteske, die aber nie ins Lächerliche abrutscht.
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Der Text von Andreas Bisowski spielt mit diesen Farben und Eigenschaften, und die Musik von Julian Lembke gibt den grotesken Grundton dazu. Abstürzende Tonbögen, freche Kiekser von Bläsern und Klavier bestimmen die Musik, die aber den philosophierenden Studenten auch mal mit sanften Streichern begleitet und die Nachtigall fast dramatisch und mit kurzen Koloraturen singen lässt. Drei Streicher, zwei Bläser und ein Pianist des Theater-Orchesters lassen diese Klänge unter Leitung des 2. Kapellmeisters Symeon Ioannidis leuchten und flirren.
Und Andrea Moczko, die auch den vorangestellten „Pierrot Lunaire“ von Arnold Schönberg inszenierte, setzt mit ihrer Inszenierung der 50minütigen Kammeroper eher auf die leisen Töne. Die Rollen von Student, der Eidechse, der Rosensträucher (in die sich Tobias Amadeus Schöner und Regina Pätzer teilen) werden zu stimmigen Miniaturen, die auch schon mal die seltsamen Eigenschaften der Menschen und die unnütze Liebe besingen. Die Nachtigall, von Nina Schubert überzeugend stolz und naiv zugleich dargestellt, liefert sich auch mal ein Schimpfduell mit dem roten Rosenstrauch, geht aber ansonsten unbeirrt, weil sie an die Liebe glaubt, ihren Weg. [...]
Ute Grundmann / Die Deutsche Bühne