Sa, 11.09.10, 19.00 Uhr Großes Haus Halberstadt Karten
Volksstimme Halberstadt, 17.9.2008
von Jörg LooseNachdem man in den vergangenen Jahren die Spielzeit mit aufwändigen, thematisch gestalteten Theaterbällen eröffnete, lud das Harztheater nun schlicht zum „Theaterfest“ in das Große Haus Halberstadt. Statt ausuferndem Buffet nun Bockwurst mit Kartoffelsalat, Kaffee und Kuchen sowie das Speisenangebot des Theatercafés. Statt eingekaufter „Stars“ und „Sternchen“ eine überzeugende Demonstration der Leistungsfähigkeit des Hauses! Im Angesicht anhaltender monetärer Kalamitäten war dies mehr als angemessen, stand einem erlebnisreichen Theaterabend aber keinesfalls im Wege. Überaus schwungvoll begann der Abend mit dem Festkonzert „Unsere drei Tenöre“, von Intendant Johannes Rieger gewohnt eloquent und souverän moderiert. Querbeet durch das deutsche und italienische Opern-/Operettenschaffen durften sich Tobias Amadeus Schöner, Xiaotong Han, und Ünisan Kuloglu, durch die „Tenorfächer“ von Buffo, lyrischem und dramatischem Tenor trällern, schmelzen und schmettern. Okay, zur „Einstufung“ des wacker singenden Han als lyrischem Tenor hätte ich die eine oder auch die andere Anmerkung, aber ich will sie nicht mit überfeinerten ästhetisierenden Traktaten langweilen. Während Tobias Amadeus Schöner als Buffo mit stimmlicher Leichtigkeit, jugendlichem Charme und natürlicher Intonation bestach, warf Schwergewicht Ünisan Kuloglu sich mit vollstem Körpereinsatz ins tobende musikdramatische Element. Es ist das eine, Puccini’s „Nessum Dorma“ fernseh- und tontechnisch aufbereitet in jeder Fernsehwerbepause durch die Ohren geblasen zu bekommen. Es ist ein ganz anderes, wenn diese Nummer livehaftig von einem musikalisch beseelten Schwergewicht präsentiert wird. Das war Wucht, das war Wurf, das war Wonne, das war Gänsehaut und Jubel. Ein Jammer, dass dieser Türke uns verlässt, weil ihm unser Theater nicht soviel zahlen kann, dass der gemeine deutsche Bürokrat es erlaubte, seine Familie nach Deutschland zu holen. Wie wäre es, wenn sich 60 Theaterfreunde fänden, die monatlich 10 Euro zahlten, die fehlende Summe wäre rasch beisammen und wir hätten einen Heldentenor allererster Güte. Mein Weib und ich wären dabei. Soviel zum Thema Europäischer Integration und Einheit im Jahre 2008. Im Anschluss an das bejubelte Festkonzert, das mit allerlei tenoralem Budenzauber endete (u.a. „O sole mio“ im Tenor-Triple) bestand die Möglichkeit, sich an zahlreichen Ständen über die vielfältigen Aktivitäten des Harztheaters und den neuen Spielplan zu informieren. Nach zahlreichen Gesprächen und - ich gebe es zu - diesem und jenem Bierchen und einer lecker Bockwurst ging es ab 22 Uhr weiter mit einem Bühnenprogramm aller Sparten. Timo Felix Bartels überraschte unter dem Motto „Good Time - Good Live - Good Night“ mit drei erfrischenden Choreografien, wobei besonders das Tangoduett (Bartels und Anja Herm) sowie das rhythmisch fiebernd zuckende Solo von Bartels hervorstachen. Locker leicht flockige Theaterimprovisation vom Feinsten mit allerlei Ausblicken auf die kommende Spielzeit lieferte die Schauspielsparte mit Jens Tramsen, Susanne Hessel, Sebastian Müller und Arnold Hofheinz zum Thema „Vorsprechen“.
Abschließend boten die Nordharzer Klassiker der Musiksparte Pop- und Schlager Madleys von Abba bis Boney M. Hier ist nun doch eine grundsätzliche musiktheoretische Anmerkung notwendig. Ihr lieben Musiker vom Theater, eine E-Gitarre darf man verbrennen, man darf sie getrost gegen Boxen, missliebige Kollegen und Rezensenten werfen (John Cage hätte sein Freude), man darf sie im Liegen, im Stehen, im Laufen, im Gänsemarsch, auf dem Rücken, im Tanzen, kurz in jeder (un)denkbaren Position schlagen, spielen und traktieren! Auf keinen Fall - und das ist tödlicher Ernst - auf keinen Fall darf man eine E-Gitarre in klassischer Gitarrenhaltung (!) im Sitzen (!!) zupfen (!!!). So bleibt festzustellen, dass insbesondere die Rhythmussektion ihre klassische Ausbildung nicht ablegen konnte und infolgedessen der angestrebte Pop/Rock/Bigband-Sound mitunter akademisch trocken und nur streckenweise mit Pep und Pfeffer über die Bühne kam. Hier wäre wohl doch etwas Unterstützung aus der lokalen Rock/Pop-Szene hilfreich gewesen. Im Übrigen bewiesen Gerlind Schröder, Bettina Pierags, Ingo Wasikowski und Norbert Zilz, dass solide ausgebildete Opernsänger (zumal mit Mikrounterstützung) noch jeden „Popstar“ in Grund und Boden singen. Apropos Unterstützung - ein wenig mehr Einbeziehung des Publikums hätte das verheißungsvolle Theaterfest noch zusätzlich aufgewertet, das mit dem Balev-Trio und erotischen Versen zur Nacht, vorgetragen von Arnold Hofheinz, stimmungsvoll ausklang.