Redakteure von Schülerzeitungen erhalten zwei Freikarten pro Inszenierung, wenn sie die Rezension veröffentlichen.
Macht kaputt, was euch kaputt macht
Schillers „Die Räuber“ feiert Premiere in Quedlinburg.
Redakteure der Schülerzeitung am GutsMuths-Gymnasium Quedlinburg
Und was für eine Premiere! Manche werden jetzt vielleicht denken: „Öh, Schiller. Öh, Sturm und Drang“, doch haltet ein! Dieses Drama war eines der atemberaubendsten und zugleich experimentellsten Stücke, die wir bisher gesehen haben.
Für alle, die sich mit „Die Räuber“ noch nicht auseinandergesetzt haben, hier nun eine kurze Zusammenfassung:
Intrige. Zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein können. Franz und Karl. Franz gelingt es seinen Vater zu überreden, Karl, dessen Lieblingssohn, zu verbannen. Karl wird Räuber und zieht durch die Lande. Mit dabei: der durchtriebene Räuber Spiegelberg, der die Räuberbande fast entzweit und am Ende jedoch von diesen ermordet wird. Franz setzt seinem Vater immer mehr zu, sodass dieser anscheinend dahinscheidet und Franz nun Hausherr wird. Er versucht nun die Verlobte von Karl, Amalia, zu erobern, was diese nicht zulässt und weiterhin zu ihrem Karl hält. Karl kann das räuberische Leben nach einiger Zeit nicht mehr verkraften, das vor allem an Spiegelberg liegt. Verkleidet begibt er sich in das Schloss seiner Familie, um Amalia noch einmal zu sehen. Sie erkennt ihn zunächst nicht und auch sein Bruder braucht einige Zeit, um ihn zu erkennen. Karl kann im letzten Moment flüchten. Er trifft auf seinen tot geglaubten Vater und schickt seine Räuber ins Schloss, um Franz zu fangen und zu bestrafen. Der jedoch begeht Selbstmord. Die Räuber nehmen Amalia gefangen und Karl offenbart ihr sein wahres Dasein. Trotz allem hält sie zu ihm, doch der Schwur an seine Räuber verbietet Karl, zu ihr zurückzukehren. Da sie nicht ohne ihn leben kann, bittet Amalia ihn, sie zu töten. Er ersticht sie unter Qualen und stellt sich kurz danach der Justiz. Die Räuberbande löst sich auf.
Diese Tragödie wurde in eine moderne Welt transferiert, wie es oft getan wird, wenn ein „alter Schinken“ wieder vorgekramt wurde. Aber es war so stimmig und atmosphärisch dicht, dass man hin und weg war. Keine Frage, auf ein Drama wie dieses muss man sich einlassen. Es ist nichts für den schnellen Zwischengenuss. Man muss sich mit dem Inhalt auseinandersetzen und die Zusammenhänge verstehen. So manch einem Zuschauer gelang das offensichtlich nicht immer, denn sie lachten teilweise an den unpassendsten Stellen.
Was den „Räubern“ jedoch keinen Abriss tat. Wir haben uns mal die Aufgabe gestellt, es mit zwei Wörtern zu beschreiben: geniale Schizophrenie. Sie zog sich durch das gesamte Stück hindurch. Die Darsteller spielten überragend und mit einer Überzeugtheit, die das Stück geradezu wahrhaftig werden ließ. Ein Spiegelberg, dessen Wahnsinn zum Greifen nah war, der mit aufgerissenen Augen und einem hinterhältigen Ausdruck spielte, als sei er eben jener Räuber. Amalia wurde als eine verzweifelte, beinah verlorene Frau gespielt, die geistesabwesend Bildnissen ihres Liebsten hinterherjagte. Die größte Leistung erbrachte unserer Meinung nach der Darsteller des Franz. Plötzlich aus dem Publikum kommend, spielte er in absoluter Stimmigkeit ein hinterhältiges Arschloch (wenn man das so sagen darf), der vor nichts zurückschreckte und sich am Ende von Träumen verfolgt und mit gespaltener Seele auf dem Boden krümmt. Der Applaus war natürlich umwerfend. Die restlichen Darsteller spielten selbstverständlich auch ausgezeichnet, aber diese drei Rollen waren die markantesten. Ein Lob sei auch der Statisterie auszusprechen, die man als solche erst nach einiger Zeit erkannte und die den professionellen Darstellern praktisch in nichts nachstand. Was dem Regisseur und der Bühnenbildnerin da gelungen ist, ist ein Meisterwerk. Das Bühnenbild war eine bewegliche Konstruktion, die sich je nach Bedürfnissen umgestalten ließ. Dazu wurden auf einen riesigen Hintergrund Bilder gestrahlt, die je nach Schauplatz wechselten und die Atmosphäre noch einmal steigerten. Kein Wunder also, dass der Zuschauersaal brechend voll war.
Ein wenig Kritik haben wir allerdings auch. Manch ein Übergang dauerte uns einen Tuck zu lange, sodass man Gefahr lief in Gedanken abzuschweifen, weil die Handlung sich zu sehr wiederholte. Wenn es dann aber weiterging, war man sofort wieder im Stoff drin. Es ist natürlich klar, dass eine derartig bewegliche Bühne seine Zeit braucht, um umgebaut zu werden, aber während dieser Übergänge hätte man noch etwas mehr Leben reinbringen können.
Alles in allem war es jedoch eine durch und durch stimmige Aufführung, die Lust auf mehr machte und eine verzerrte Welt zwischen Glück und Elend heraufbeschwor. Eben eine geniale Schizophrenie. Applaus, Applaus!