Der Tod kann ziemlich verwirrend sein. Die Zeit bleibt stehen und der „normale“ Gang der Dinge wird außer Kraft gesetzt, zuweilen mit komischen Konsequenzen. Die selbst in die Jahre gekommenen Schwestern Annette und Bernadette befinden sich nach dem Tod ihrer Mutter in einer merkwürdigen Unbeholfenheit. Heraus hilft eine Blitzidee: Eine Reise in den Norden Frankreichs, die zum Abenteuer- und Bewältigungstrip für das Problem der Begrenztheit und Unvollkommenheit des Lebens wird. Diese mit viel Situationskomik erzählten Grenzerfahrungen und ihre Lieder schweißen das liebenswert sperrige Schwesternpaar zusammen. Eine poetisch abgefahrene Komödie, deren spezieller Charme typisch französisch ist. Der vielfach ausgezeichnete Autor und Generalsekretär der Comédie Francaise stellte sein Stück beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2009 erstmals in Deutschland vor.
Aufführungsdauer: 1 ¾ Std.
Besetzung
| Inszenierung | |
| Ausstattung | |
| Musik / Piano | |
| Bernadette | Julia Siebenschuh |
| Annette | Illi Oehlmann |
Pressestimme: Urne, Keks- und Bierdosen
PREMIERE: „Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden“ sind nach Paris, Wien und Karlsruhe nun in Quedlinburg zu erleben.
VON UWE KRAUS
QUEDLINBURG/MZ. „Substanzlos, fad und enttäuschend“, schrieb die Kritik, als 2009 „Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden“ beim Berliner Theatertreffen auf den Stückemarkt geworfen wurde. Dafür drängelte sich das Publikum vor der ausverkauften Neuen Bühne in Quedlinburg? Mit Recht! Illi Oehlmann und Julia Siebenschuh widerlegen solche Kommentare mit ihrem Spiel: Das ist grotesk, das ist sentimental, frech, selbstironisch, humorvoll und zuweilen nachdenklich.
Sie spielen die nicht mehr ganz frischen, aber durchaus noch anziehenden Schwestern Bernadette und Annette, die sich per Zug und Bus auf die Suche nach dem Grab ihres Vaters machen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie im Gepäck neben Thunfisch-Sandwiches, Thermoskanne und Bierdosen, die Asche ihrer Mutter haben. So wird ihr Trip nach Amiens in Nordfrankreich, übrigens der Geburtsort von Pierre Notte, Autor der Komödie und Generalsekretär der Comédie Francaise, zu einer Reise in die eigene Vergangenheit und ihr tiefes Inneres.
Im Krematorium beginnt die Groteske, in der die ältlichen Damen im Angesicht der Lebensendlichkeit zunehmend mehr zueinander finden und wohl auch einen neuen Blick auf das Dasein und Vergehen werfen. Ulrich Schwarz schneidet die Szenen auf Oehlmann und Siebenschuh zu, lässt sie sich zoffen, in den Armen liegen und gemeinsam bangen. Kürzlich erzählte Julia Siebenschuh, sie würde gern einmal einen Chanson-Abend gestalten. Ihr wunderbarer zweistimmiger Gesang mit Illi Oehlmann in „Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden“ verstärkt den Wunsch nun auch beim Zuhörer. Martin Orth schrieb die Musik für dieses Gefühls-Theater; melancholisch, nachdenklich, recht französisch, zur Nachdenklichkeit des Themas und den beiden Protagonistinnen passen. Er begleitet die Damen dazu auf dem Klavier.
Das Publikum, darunter zahlreiche Teilnehmer einer einführenden Tour über den Quedlinburger Friedhof, die den Premierenbeginn um satte zehn Minuten verzögerten, fühlte sich durch das Bühnengeschehen stark in den Bann gezogen. Die Propere und die Feine füllen die Asche ihrer 82jährigen Mutter aus der Urne in die rot-herzige Keksbüchse und wollen ihre Eltern im Tod zusammenführen. Ein Vierteljahrhundert waren sie nicht auf diesem Friedhof eckig und unter Pappeln unweit vom Meer. Diese Suche auf diversen Gottesäckern nimmt skurrile Züge an. Reisen die Hinterbliebenen doch per gekapertem Bus und nehmen an unzähligen Autos Anstoß, um letztlich sehr lebensbildhaft auf einer Klippe zu stranden. Dass Ausstatterin Friederike Baer eine Wäscheschleuder zum Fahrersitz macht, wirkt zu Anfang noch ziemlich witzig. Christoph Kotzian obliegt es, diese Tour geräuschvoll und wenn die Mädels hinter Papas Grabstein pinkeln etwas naturalistisch, zu untermalen. Zischende Bierdosen, ein Barbesuch, eine Zigarette im Nebel über den Gräbern und ein Tanz über Gräbern – wollen die schnoddrige Bernadette und die vornehmer wirkende Annette, die zwischendurch einen Teenie vernascht, darüber hinweg leben, dass die Reihe nun irgendwann an ihnen sein könnte und noch so viel unausgesprochen ist? Spannend ist das nicht, aber wohltuend, makaber und zu Herzen gehend. Dem schrulligen Geschwisterpaar ist auf der Reise nach Norden, ein Symbol für „Kopf hoch“, weiter ein so begeistertes Publikum zu wünschen, wie es die Premiere verließ.
Pressestimme: Leben nach dem Tod
nachtkritik.de
von Theodor Einspruch
Am 1. Oktober startete in der ausverkauften neuen Bühne von Quedlinburg die Spielzeit 2010/11 des Schauspiels am Nordharzer Städtebundtheater mit einem Stück von Pierre Notte: „Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden“
Sterben weist Fragen auf. Immer ! Vor allen Dingen bei den Hinterbliebenen. Fragen nach dem eigenen Leben. Darauf Antworten zu finden, ist nicht leicht; bisweilen sogar quälend für die eigene Seele. Im Endeffekt aber erhellend.
Es ist sehr dunkel in der Aussegnungshalle, als sich Bernadette und Annette begegnen, um Abschied von der Mutter zu nehmen, die es wagte, sich mit 82 Jahren aus dem Staub zu machen, um genau zu dem zu werden. Da stehen sie nun, die zwei Weisen, die nicht mehr ganz taufrischen Schwestern, im Fahrstuhl auf dem Weg zwischen Himmel und Hölle, eingezwängt in ihre Gedankenwelt, die sich im Niemandsland eigener Reflexionen befindet. Als Gabe bringt man ihnen die Überreste der Mutter in einer Urne im monochromen Ambiente dar. ( Famos die nutzbare Ausstattung der Bühne von Friederike Baer!).
Was nun? Wohin damit? Unter der Regie von Ulrich Schwarz begeben sich die Geschwister auf einen Ritt ins Gewisse, denn beim Leichenschmaus macht es plötzlich „Kling“! Es geht ein Licht auf und es kommt Farbe ins Spiel.
Rot behütet, spielt Julia Siebenschuh die jüngere Bernadette, die ihre sozialistischen Ideale noch nicht begraben hat, mit einer entwaffnenden Offenheit. Hart und zärtlich zugleich. Illi Oehlmann als Annette lüftet den Schleier und wandelt sich äußerst gekonnt vom späten Mädchen zur zügellosen Frau. Zwei Vollblutschauspielerinnen, die Ihren Rollen die nötige Gestalt verleihen im Wandel und Zueinander der jeweiligen Persönlichkeit, ohne in’s Karikaturistische abzurutschen. Was nicht einfach ist, wenn man bedenkt, daß das Stück für zwei ältere Damen geschrieben ist, die kurz vor ihrem eigenen Ableben stehen. Und da haben wir auch schon das Problem. Die zwei Protagonistinnen stehen für den Zuschauer nämlich mitten im Leben und nicht etwa am Rande. Wenn beide das „Fahrgestell“ eines jungen Hüpfers begutachten, ist das deshalb nur mäßig witzig. Obwohl Illi Oehlmann eine hinreißend beschwipste Dame gibt, die sich endlich einmal an das andere Geschlecht herantraut und Julia Siebenschuh das Mitleid der Zuschauer sicher hat im Spiegel der eigenen, verschwommenen Erkenntnis, wohl nicht mehr die Jüngste zu sein. Ein Perspektivwechsel ist aus diesem Grund notwendig. Das Hin zum Hier und Jetzt, was die Schwermut des Programmheftes wiederum tüchtig mildert. Wie schon im Vorfeld geht es auf einer Tour de Force an die verschiedenen Friedhöfe an der Somme in Nordfrankreich. Erinnerungen werden wachgerufen, die für beide von elementarem Gehalt sind. In der Aufarbeitung wird geflucht, geschrieen, verklärt und Verdrängtes offen gelegt. Alles kulminierend in einer Art Eifersuchtsduell sowie bei eindringlichen Gesangsdarbietungen, welche mit gehöriger Verve vorgetragen werden. Diese schwierigen Passagen meistern die Damen bravourös. Ein großes Kompliment gebührt hierbei Martin Orth, der mit seinen beeindruckenden Chansonkompositionen den Abend am Klavier begleitet.
In eleganten Szenenwechseln gelingt der Spagat zwischen Tragik, Komik und Ernst mehr als passabel, wobei die Tiefen der jeweiligen Couleur mit einem Mehr an Probenzeit sicherlich hätten besser ausgelotet werden können. Stattdessen rempelt man sich frohen Mutes ungebremst durch die engen Straßen der Geburtstadt des Autors – immer nah am Schleudertrauma – daß es nur so rracht. Doch diese Picknickfahrt im Rausch hat so ihre Tücken. Eine Reise zu sich selbst im Aufbrechen verschorfter Wunden und der Entpuppung versunkener Gefühle wird in Angriff genommen, um nach langer Suche im Abendrot des Tages, unter bekannten Pappeln eines Gottesackers endlich fündig zu werden, damit sich vereint, was sich einmal geliebt hat. Da geht das Herz auf. Ein Licht am Ende des Tunnels? Es sind die großen Themen der Literatur. Das alles ist spannend und bisweilen märchenhaft inszeniert. Ab und an fungiert dabei ein leichenblasses Faktotum ( Christoph Kotzian ) in Manier eines Mitgliedes der Adams-Familie, als stummer Zuträger recht amüsant in manchem Bild und obendrein auch noch geräuschvoll als Untermalung der Handlung.
Aber wo will man denn eigentlich hin? Das wissen die beiden netten Damen eigentlich auch nicht so recht und finden sich deshalb unversehens an der Klippe zwischen Leben und Tod wieder. Da schreien die Möwen laut am Ärmelkanal. Weshalb es nur eines gibt: Fuß auf das Gas, und das Leben genießen, denn der Tod kommt sowieso. Irgendwann. Daran hat sich auch nach dem kurzweiligen Abend nichts geändert.
Pressestimme: Mit polterndem Humor zum Grab
Volksstimme, 4.10.2010
Von Hans Walter
Quedlinburg. Fast wäre es eine deutsche Erstaufführung am Nordharzer Städtebundtheater geworden - die Komödie "Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden" des französischen Erfolgsautors und Generalsekretärs der Comedie Francaise Pierre Notte (41), vorgestellt beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens.
Die Schauspieldramaturgin Sylvia Sarnow hatte das schwarzhumorige Stück schon vor fast zwei Jahren ausgesucht, aber das Badische Staatstheater Karlsruhe brachte es im Januar 2010 heraus. Am Freitag erlebte es nun in der Neuen Bühne Quedlinburg die zweite Inszenierung in Deutschland. Auch nicht schlecht.
Die "Zwei netten Damen ... " sind ein Schmäckerchen für die zwei Schauspielerinnen Illi Oehlmann (Annette) und Julia Siebenschuh (Bernadette).
An und für sich ist es ein unverwüstliches Zwei-Personenstück plus einiger kleiner Episodenrollen: Die 82-jährige Mutter von Annette, der älteren, mondänen Tochter, und der jüngeren, molligen Bernadette ist tot und wird eingeäschert. Die ungleichen Schwestern wollen dem längst verstorbenen Vater vom Tod der Mutter berichten und starten von Paris aus gen Amiens.
Irgendwo auf einem Friedhof liegt dort ihr Erzeuger begraben, sie wissen nur nicht genau, wo das ist. Irgendwo wuchsen Pappeln, und das Meer war nicht weit. In einer herzförmigen roten Keksdose reist die eingeäscherte Mutter samt ihrer zerschmolzenen Brosche mit.
In Amiens ist kein Taxi in Sicht. Annette und Bernadette nehmen den Bus. Das heißt, sie kapern ihn. Die Ältere steuert das schwere Gefährt - und crasht dabei sowohl die Rückspiegel wie 27 Autos auf der Strecke. Ein abenteuerliches Unterfangen von geradezu irrwitziger Komik. ZUm Schluss ihrer Odyssee zu dutzenden Friedhöfen müssen sie pinkeln und verziehen sich hinter einen Grabstein. Es ist ausgerechnet der ihres so lange gesuchten Vaters Reymond. "Alles in Butter, wir machen uns vom Kutter", trällern die beiden.
Ihre Reise hat vor allem eins gebracht - die gedankliche Annäherung an die Vers'torbenen, aber am meisten das Zusammenrücken und die neu zugelassene Nähe der heiden so ungleichen, ewig streitenden und grantelnden Schwestern. Das ist mimisch und gestisch ein Kabinettstückchen von Siebenschuh und Oehlmann.
Auch die Ausstatterin Friederike Baer steuerte in Kostüm und Frisur einiges bei, den beiden Damen die Alterswürde von zwei Mädchen reiferen Alters zu geben, die selbst auf das Sterben zugehen. Sie sind nun niemandes Töchter mehr ...
Regisseur Ulrich Schwarz als Gast vom Dresdener "Spielbrett e.V. brachte nicht diese Fallhöhe mit ein, dass es letztlich um das eigene Leben und den Tod geht - dargestellt mit den Mitteln der Komödie. Wenn Annette auf einer Wäscheschleuder sitzt und sie rumpelnd als Bus startet, denkt man "Schöne Idee. Hoffentlich machen siels noch einmal! Der Wunsch wird erfüllt, aber spätestens bei der dritten Schleudertour ist man genervt: "Fällt denen überhaupt nichts mehr ein?
Dito bei den Geräuschen, wenn der Bus mit den Autos 20 bis 27 zusammenstößt. Dafür fällt jedes Mal ein Becken scheppernd zu Boden - man hat's satt. Gibt es denn keine anderen Instrumente dafür? Wenn die Schwestern am Ende hinter dem Grabstein pinkeln gehen, muss natürlich jemand zweimal Wasser aus einem Topf in einen anderen lassen - es wird nichts an Peinlichkeit ausgelassen.
Das zweite Problem ist die Musik von Martin Orth am Klavier. Für einen Chansonabend wäre sie genau passend komponiert, zumal die Schwestern sehr passabel zweistimmig singen können. Aber für die Komödie leistet sie in ihrem gleichgestimmten melancholischen Duktus wenig. Bei der Aufführung in Wien schuf dazu Akkordeonmusik das französische Flair; in Karlsruhe kontrapunktierten deutsche Evergreens und Schlager die gewitzten Dialoge. So blieb es bei schlappen drei Minuten Premierenbeifall. Verdammt wenig, zumal ein Großteil der Zuschauer vorher an einer Führung über historische Gottesäcker teilgenommen hatte und auf das Thema eingestimmt war.